Warum ist Prog Eure Musik?

Ich würde nach längerem überlegen den Titel des Threads erweitern
"Wie progressiv ist eure Musik?"
Heißt, wieviel Steigerungspotential ist (noch) vorhanden? Egal ob Country, Jazz, Blues, Heavy Metal, Schlager, Klassik usw, usw.
 

Georg

Alter Hase
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Ich beantworte den Thread mal aus einer anderen Richtung. Warum war Progressive Musik meine Musik? Meine musikalische Sozialisation beinhaltete Black Sabbath genauso wie Genesis, die Scorpions waren mir genauso willkommen wie Van der Graaf Generator, Grand Funk Railroad ergänzten sich perfekt mit Eloy. Bis hierhin ein normales Teenager Leben in den siebziger Jahren. Aber war es das? Irgendwie und irgendwann wurde das alles zu dröge. En mutiger Radio DJ hier beim WDR, der das musikalische Spektrum abdeckte, dass meinem entsprach, legte The Clash und die Sex Pistols auf den Plattenteller. Was für ein Energielevel, 3 Minuten reichen, kein Georgel bis zum Sankt Nimmerleinstag. Von da bin ich zur NWOBHM gekommen und habe meinen Helden von damals keine Träne hinterher geweint. Mit dem Alter kommen sentimentale Erinnerungen, eine Reha 2015 und stundenlanges stöbern bei YouTube. Ich konnte mich wieder mit Abstand der "progressiven" Musik, alt wie neu, nähern. Der Schwerpunkt lag und liegt eher beim Prog-Metal, aber auch dank dieses Forums entdecke ich vieles, was in dem Sektor von Interesse ist. Also kann ich schreiben, ich bin wieder da angelangt, was mich damals geprägt hat, nur mit einem anderen Blickwinkel und nicht nur mit dem Blick in den Rückspiegel.
Die Bezeichnung "NWOBHM" war mir bis 2016 vollkommen unbekannt, dann kam "Lassen sie mich durch" ein Forumsmitglied der ersten Stunde...
 

The Wombat

Aktives Mitglied
Wenn es nur so einfach gewesen wäre. Ist eine lange Geschichte.... aber um beim Topic zu bleiben, weder meine Ex-Frau noch meine jetzige können mit Prog was anfangen
Off topic. Meine Frau hatte Theologie studiert als wir uns kennenlernten und das einzige harte was sie kannte und mochte war "Highway to hell". Dann hab ich ihre Bob Dylan, Marillion CDs und das andere weiß ich nicht mehr, Stück für Stück ausgetauscht. Um beim Thema zu bleiben war das auch eine Art "Progression".
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
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Die Bezeichnung "NWOBHM" war mir bis 2016 vollkommen unbekannt, dann kam "Lassen sie mich durch" ein Forumsmitglied der ersten Stunde...
Dazu fällt mir noch was ein. Vor ein paar Jahren schnappte ich Gesprächsfetzen aus einer Konversation zweier Metaller auf (ich weiß nicht mehr wo, vielleicht im Foyer bei einem Dream-Theater-Konzert), und der eine sagte: "Iron Maiden sind New Wave". Mein erster Gedanke: "Was?!?" Mein zweiter Gedanke, "Na klar sind die New Wave - New Wave of British Heavy Metal".
 

Cathedral Wall

Mitglied
Prog ist schon deswegen nicht "meine Musik", weil ich grundsätzlich von der Begriffsdefintion im eigentlichen Wortsinn "fortschreitend" ausgehe und nicht "Prog" als Stilbezeichnung. Alles, was bestehende Klangstrukturen weiterbringt, kann "progressiv" sein, von "simplem" pop bis zu "extremsten" noise. Ein Beispiel: Ich höre gerade "From Silence To Somewhere" von Wobbler. Das ist fantastische Musik, aber "progressiv" ist sie nicht, sondern sogar ziemlich konservativ, eben genau das was die "Hüter des prog" hören wollen. Solange also diese Begriffsverwirrung nicht verstanden wird ist es müßig, darüber zu diskutieren. Außerdem bin ich für mich zur Erkenntnis gekommen, dass es musikalisch "nichts Neues unter der Sonne" mehr gibt, sondern nur noch hunderte wenn nicht tausende Schubladen, die alle ein spezielles Publikum "bedienen". Das ist nicht falsch und legitim und schon gar nicht eine Wertung der "Qualität" der Musik. Die Musikgeschichte der "Klassik" und des "Jazz" beweisen, dass kein Stil jemals wieder verschwindet, sondern alles nebenher besteht, sich wiedet neu vermischt und "progressiv" werden kann, denn es gibt natürlich kein "Ende der Geschichte".
 

Alexboy

Aktives Mitglied
Prog ist schon deswegen nicht "meine Musik", weil ich grundsätzlich von der Begriffsdefintion im eigentlichen Wortsinn "fortschreitend" ausgehe und nicht "Prog" als Stilbezeichnung. Alles, was bestehende Klangstrukturen weiterbringt, kann "progressiv" sein, von "simplem" pop bis zu "extremsten" noise. Ein Beispiel: Ich höre gerade "From Silence To Somewhere" von Wobbler. Das ist fantastische Musik, aber "progressiv" ist sie nicht, sondern sogar ziemlich konservativ, eben genau das was die "Hüter des prog" hören wollen. Solange also diese Begriffsverwirrung nicht verstanden wird ist es müßig, darüber zu diskutieren. Außerdem bin ich für mich zur Erkenntnis gekommen, dass es musikalisch "nichts Neues unter der Sonne" mehr gibt, sondern nur noch hunderte wenn nicht tausende Schubladen, die alle ein spezielles Publikum "bedienen". Das ist nicht falsch und legitim und schon gar nicht eine Wertung der "Qualität" der Musik. Die Musikgeschichte der "Klassik" und des "Jazz" beweisen, dass kein Stil jemals wieder verschwindet, sondern alles nebenher besteht, sich wiedet neu vermischt und "progressiv" werden kann, denn es gibt natürlich kein "Ende der Geschichte".
Klingt für mich überzeugend.:cool:
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
@Cathedral Wall, Du triffst den Nagel voll auf den Kopf. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Genre, das konventionell Progressive Rock heißt, und Musik, die im eigentlichen Sinne progressiv ist. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, und das ist etwas, wessen sich jeder Prog-Fan bewusst bleiben sollte. Es ist sicher nicht nur der Länge des Terminus "Progressive Rock" geschuldet, dass sich dafür die Kurzform "Prog" etabliert hat; das geschieht sicher auch, um schon vom Wort her Abstand zum Begriff des "Progressiven" zu gewinnen.

Du nennst Wobbler als eine Prog-Band, die nicht progressiv ist - richtig, da ist nichts, was es nicht schon in den frühen 70ern schon gab, das ist wie Yes, Genesis & Co. Und deshalb ist es vom Genre her Prog - und genau deshalb auch nicht im Wortsinn progressiv. Man hat ja für diese Spielart von Prog die Bezeichnung "Retro-Prog" geprägt, die, wenn man sie etymologisch aufdröselt, alles auf den Punkt bringt: das ist "rückwärtsgewandte vorwärtsgewandte Rockmusik" ;) Den Gegenpol bilden solche Bands wie Velvet Underground oder die Residents, die von ihrem ästhetischen Ansatz her viel radikaler waren als jegliche Spielart des Prog, aber eben kein Prog sind, nicht sein können.

Zu Deinem zweiten Punkt, dass es "nichts Neues unter der Sonne" mehr gäbe, kann ich sagen, dass ich das oft auch so empfinde. Es scheint alles schon mal dagewesen zu sein, und umgekehrt ist alles, was irgendwann mal da war, noch oder wieder da. Genre-Landkarten wie diese, diese oder diese weisen nach 2000 nur noch wenige und nach 2010 überhaupt keine neuen Stilrichtungen mehr aus. Irgendwie hat man das Gefühl, die Musikgenres wären "ausentwickelt".

Aber vielleicht liegt es nur daran, dass es schon so viel gibt, dass es immer unwahrscheinlicher wird, dass eine neue (oder eine sich neu erfindende alte) Band mit ihrer Musik in "Neuland" hineinstolpert - "hineinstolpert" deswegen, weil die wenigsten Musiker, die neue Genres erschlossen, ganz bewusst ein neues Genre begründen wollten, sondern einfach Musik machten, wie ihnen der Kopf stand, und die Musikjournalisten - die ja diejenigen sind, die in der Regel die Genrebezeichnungen vergeben - nichts fanden, was so ähnlich war, und deshalb eine neue Schublade aufmachen mussten. Heutzutage ist die Wahrscheinlichkeit einfach viel größer, dass es schon mal jemanden gab, der so was schon mal gemacht hat, so dass die Band in eine bereits bestehende Schublade einsortiert werden kann.

Oder es ist so, dass den Schreibern zu diesem Thema einfach nichts mehr einfällt - beziehungsweise die ganze Schubladenmeierei heutzutage einfach dermaßen unhip ist, dass niemand mehr neue Genres erfinden will, um bloß nicht als "Schubladenmeier" dazustehen. Ich bin jedenfalls schon auf viele Fälle gestoßen, wo irgendeiner Band ein Stiletikett verpasst wurde, das vorn und hinten nicht passte, ich aber selbst keine blasse Idee hatte, wo sie denn sonst hinpassen könnte.

Vielleicht ist der "Prog-Rock" im Sinne des Alternative Rock so ein Fall - da tauchten in den 90er Jahren Bands auf, deren Musik zwar nichts mit Prog zu tun hatte, aber man wollte kein neues Genre erfinden, und zwängte das dann in die Prog-Schublade nach dem Motto "Die Stücke sind so lang, und manches davon in krummen Takten, das kann nur Prog-Rock sein!". Und das hat sich dann verselbstständigt, zumal der "echte" Prog als dermaßen nerdig verschrien war, dass die meisten Hipster-Journalisten da einen blinden Fleck hatten. Aber so richtig überzeugt bin ich auch von dieser Theorie nicht. Warum eine Bezeichnung für etwas absolut Uncooles bemühen, wenn man nicht etwas gerade als uncool brandmarken will, was hier nicht der Fall zu sein scheint? Obwohl, in dieser Stadt hat jemand mal eine Kneipe "Golden Goal" genannt - aber nach drei, vier Wochen war der Laden dann auch schon wieder pleite. Es gab anscheinend nicht genug Fußballfunktionäre im Einzugsgebiet ;)
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
Nachtrag: Meine bevorzugte, weil von mir selbst am wahrscheinlichsten gehaltene, Theorie bezüglich der Benennungen von "Progressive" Alternative Rock und "Progressive" Extreme Metal ist nach wie vor die, dass diese Bands, zumindest die Begründer dieser Richtungen, sich auf Prog-Bands wie Pink Floyd, King Crimson, Rush oder Dream Theater berufen, und darum als "Progressive" bezeichnet werden. Derselbe Quark also wie mit Kraftwerk als "Techno-Pionieren", nur quasi in der entgegengesetzten Zeitrichtung. Da besteht also durchaus ein Zusammenhang mit "echtem" Prog, aber diese Acts haben sich so weit von dem entfernt, was (meiner Meinung nach) Prog ausmacht, dass ich zumindest darin keinen Prog mehr erkennen kann. Etwa so wie Landwirbeltiere von Fischen abstammen, aber keine Fische mehr sind, oder Vögel von Dinosauriern abstammen, aber was ganz anderes sind als die gigantischen Urzeitviecher, die man sich landläufig unter "Dinosauriern" vorstellt (was freilich ein Klischee ist, es gab immer auch relativ kleine Dinosaurier, und von solchen kleinen Dinosauriern stammen eben auch die Vögel ab).

Aber genug davon - ich komme hier vom Thema ab, und wiederhole mich hier - all dies habe ich ja anderswo schon mal zum Besten gegeben.
 

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