UNICORN (US) - The Cosmic Storyteller (1967/2001)

Catabolic

Alter Hase
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UNICORN - The Cosmic Storyteller
(Platform Records CD4780, 2001 / Originalaufnahmen von 1967)

Es gibt reale Geschichten, die muten manchmal wie Märchen aus einer Phantasiewelt an. Ein wunderbares Beispiel hierfür ist diese Platte, die 1967 eingespielt, jedoch nicht veröffentlicht wurde. Wenn es je ein Plattenprojekt gegeben hat, das den Titel "seiner Zeit weit voraus" hundertprozentig verdient hat, dann dieses zauberhafte Album, das dank der Initiative von Hilary Clay Hicks, dem damaligen Bandleader, erst 34 Jahre später doch noch das Licht der Welt erblickte. Hicks liess es allerdings nicht dabei bewenden, die originalen Mastertapes einer Restauration zu unterziehen, nein, der Musiker ging noch sehr viel weiter: Im Besitz der ursprünglichen Mehrspur-Bänder (ein Segen und eine absolute Rarität gleichermassen!) restaurierte Hicks in einem Topstudio sämtliche einzelnen Audiospuren und spielte weitere Spuren neu hinzu, sodass am Ende ein ziemliches unikum entstand: Eine Platte aus den 60er Jahren mit zusätzlichen Instrumentalteilen und Gesängen von 2001. Da werden die wahren 60s Puristen jetzt natürlich sofort rufen: Ketzerei! Geht gar nicht! Doch ein bisschen entspannter darf man diese Idee schon betrachten. Da die Platte damals gar nie veröffentlicht wurde, höchstens einige Testpressungen existierten - von denen im übrigen trotz öffentlichem Aufruf weltweit keine einzige mehr zu finden war, stellte sich die Frage nach der Authentizität eigentlich gar nicht. Man konnte am Ende eher festhalten: Grundaufnahmen von 1967 wurden 2001 fertig eingespielt, abgemischt und veröffentlicht. Punkt. Aber ist es so einfach ?

Ergibt das dann am Ende ein verlorenes Artifakt aus der psychedelischen Aera der 60er Jahre ? Handelt es sich beim fertigen Werk vielleicht eher um ein Pseudo-Spinal Tap Unternehmen ? Oder kann man das als modernisierte Form von 60er Jahre Pop-Psychedelik verstehen ? Es ist vielleicht von alledem ein bisschen was. Allerdings klingt es so unverschämt geil, dass man sich unwillkürlich fragt: Wann habe ich schon mal so eine Mixtur aus moderner Musik und altem Klang gehört ? Oder ist es umgekehrt - alte Musik und moderner Klang ? Die Grenzen hierzu sind bei diesem Werk natürlich fliessend. Der eine Zuhörer empfindet es als neues Werk mit "altem" Sound, der andere wiederum genau gegenteilig: Alte Musik, modern interpretiert. Leider sind letztlich aber beide Einschätzungen wohl falsch, denn bezogen auf die Einspielung trifft beides nicht zu. Man muss sich das Ganze vorstellen, als würde man im Besitz einer Zeitmaschine sein: Man geht in ein Tonstudio im Sommer 1967, spielt 13 tolle Songs im Rahmen eines Gesamtkonzepts ein und verlässt das Studio, bevor die Aufnahmen fertig im Kasten sind, weil man erst einmal Ausschau halten will nach einer Plattenfirma, die das fertige Produkt schlussendlich veröffentlichen will. Weil sich keine Firma findet, die das Album für veröffentlichungswürdig erachtet, geht man einfach nicht mehr zurück ins Tonstudio und nimmt das originale Band mit den nicht fertiggestellten Songs einfach mit nach hause. Das Bandmaterial wurde ja bezahlt und gehört somit dem Künstler. Tja, und diese originalen Bänder liegen dann über 30 Jahre irgendwo in einem Archiv, bis sie Jemand beim entrümpeln findet und dem originalen Bandleader von damals aushändigt: Hilary Clay Hicks.

Unter dem Namen UNICORN (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen britischen Folkrock Band, die ab 1968 aktiv war) schrieben die originalen Bandmitglieder damals eine bunte, typisch in jene Zeit passende Mélange aus psychedelischem Rock, Folk Rock, Pop, Jazz, Rhythm'n'Blues und gar Country Music. So beschrieb es auch der damalige Co-Produzent Simon Higgs, der mit Hilary Clay Hicks (der in der Band Unicorn als Livingstone "Stoney" Young in Erscheinung trat) das ganze Projekt nach über drei Dekaden in Angriff nahm. "The songs hold up as classic originals and instant oldies", sagte Higgs. "They are equally relevant as new music today". Natürlich nahm das Album "The Cosmic Storyteller" den Zuhörer erst einmal mit auf eine Zeitreise zurück in die glorreichen 60er Jahre, als zwischen Haschischnebel und psychedelischen Farben vor allem auch märchenhafte Geschichten ihre Blütezeit feierten. Die originalen Mehrspurbänder der Aufnahmen von 1967 offenbarten dabei einen wundersamen Reigen bunter Klänge exotischer Instrumente wie Blasinstrumenten, Geigen und Celli, einer Sitar, rückwärts geloopten Gitarren und jeder Menge damals zeittypischer Klangeffekte.

Das Interessante dabei war vor allem die Tatsache, dass für diese ursprünglichen Aufnahmen nicht nur die originale Fünf Mann-Band UNICORN im Tonstudio arbeitete, sonder neine ganze Menge unter Pseudonymen aufmarschierende Bekanntheiten der Musikszene. Dabei gaben sich etwa Musiker der Gruppen The Association, Steppenwolf, Spirit, Rick Nelson’s Stone Canyon Band, Hal Blaine’s Wrecking Crew, The Marvin Gaye Band, The Quincy Jones Orchestra und der Bläsersatz des originalen Ray Charles Orchestras die Klinke in die Hand. Die Gruppe UNICORN selber bestand aus Livingstone "Stoney" Young, Efrem "Stretch" Goldman, Richard E. Wyatt, Tyrone Wilson, Merlin Stein und Franklin "Lucky" Parker. Als Folkmusiker, der sich von der akustischen Gitarre wie so viele damals verabschiedete und sich dem radikalen Wandel von Bob Dylan anschloss, indem er diesen Musikstil mit einer elektrischen Gitarre spielte, machte sich Stoney Young im Alter von erst 19 Jahren auf ins goldene Musikmekka Los Angeles. Das war gegen Ende des Jahres 1965. Sein Vorhaben war, sich mit lokalen Musikern, von denen es dort Unzählige gab, zusammenzutun, um eine Gruppe zu gründen, deren Hauptfokus auf besagtem neuen elektrischen Bob Dylan, aber auch auf den Beatles und den Beach Boys lag.

Er tat sich mit seinem 16 Jahre alten Cousin Lucky Parker aus Bell Gardens Kalifornien zusammen, der zu dem Zeitpunkt bereits sehr gut Schlagzeug spielte, und der schon sehr früh von Surf Musik, aber auch vom Jazz beeinflusst war. Die beiden jugendlichen Musiker trafen auf den Gitarristen Richard T. Wyatt aus Laredo Texas, der bereits 21 Jahre alt war, in betrunkenem Zustand im legendären Whiskey a-Go-Go Club, während dort die Byrds spielten. Sie trafen Wyatt später wieder an einer Party, wo sie mit ihm und dem 22 jährigen Efrem "Stretch" Goldman aus New York zum Spass einige Jams spielten. Goldman, ein ganz phantastischer Pop and Jazz Gitarrist, zusammen mit dem Texte schreibenden Bassisten Tyrone Wilson, 20 jährig, der in Blues, Rhythm & Blues, Jazz und Gospel geschult war, spielte ebenfalls mit. Die Jungs beschlossen, gemeinsam ein Bandprojekt aus der Taufe zu heben, zu welchem später im Tonstudio dann auch noch der in kmlassischer Musik geschulte Keyboarder Merlin Stein, ein 21 jähriger UCLA Student dazu kam. Stein war besonders auch im Bereich Arrangements geschult worden. Die neue Gruppe spielte innert kurzer Zeit 40 Songs ein und ging auch bald regelmässig in die angesagten, zumeist psychedelischen Clubs in und um den Sunset Strip in Los Angeles spielen. Aus den kleinen Clubs wurden bald grössere Events und Lokalitäten und im legendären Summer Of Love 1967 spielte die Band schon bei den richtig grossen und renommierten Anlässen wie dem Monterey Pop Festival im Juni. Die Musiker waren natürlich wie viele andere auch beeinflusst durch das damalige Zeitgeschehen wie dem Vietnam Krieg und der entsprechenden Protestbewegung, ausserdem machten sie sich für die schwarze Bprgerbewegung stark, nicht ahnend, dass diese Engagements dereinst zu einem wichtigen Teil der amerikanischen Geschichte werden würden.

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Stoney träumte von der Aufnahme eines ultimativen Albums, er wollte ein bleibendes Werk schaffen, eines, das generationsübergreifend sein sollte, ein Sinnbild für das friedvolle Zusammenleben mehrerer Generationen darstellen würde, gleichzeitig wollte er ein ambitioniertes Werk mit einer Aussage schaffen, keine oberflächliche Sammlung von willkürlich ausgesuchten Songs zusammenstellen. Das Erstaunliche war, dass die Band tatsächlich ein Tonstudio betreten durfte und schon bald wurde klar, dass auch die Musik der Gruppe sich wesentlich von dem unterschied, was die angesagten Gruppen und Musiker zu jenem Zeitpunkt gemeinhin so aufnahmen. Man muss natürlich berücksichtigen, dass mit Jefferson Airplane, den Doors und vielleicht auch Quicksilver Messenger Service bereits viele Bands die Musikszene aufgemischt hatten, und so auch Nachwuchskünstler stark beeinflusst hatten. Livingstone "Stoney" Young wollte aber noch viel mehr. Er war so ambitioniert, dass er sich vorstellte, 40er, 50er und 60er Jahre-typische Musikmuster in einem einzigen grossen Stilpotpurri aufeine Platte zu bringen. Das war allerdings nicht ganz einfach. Nicht, dass seine Mitmusiker die Idee nicht berauschend fanden: Es fand sich nur kein Plattenlabel, das so einem auf den ersten Blick viel zu ambitionierten Werk überhaupt eine Chance geben wollte. Es findet sich bei den Aufnahmen von 1967 allerlei musikalische Geschichte Amerikas wieder: Unterhaltungsmusik aus den 40er Jahren, typisch folkig orientierter Pop des Summer Of Love, jazzige Anleihen und nicht zuletzt der noch in seinen Kinderschuhen steckende härtere Psychedelik-Rock der 60er Jahre.

Letztlich aber zerplatzte Young's Traum von einem solchen Grosswerk, schlicht und ergreifend aufgrund allzu menschlicher Begebenheiten: Der Summer Of Love brachte die drogengeschwängerte Glückseligkeit in die Band und mit ihr entsprechende persönliche Differenzen: Die einen wollten ambitioniert Musik machen, die anderen lediglich ihren Drogentrip mit instrumentalen Abartigkeiten abfeiern. So konnte Stoney Young sein Projekt UNICORN natürlich letztlich nicht mehr umsetzen: Die Band fiel schon kurze Zeit später auseinander. Erst über dreissig Jahre später, als die Mehrspurbänder wieder auftauchten, machte sich Young erneut daran, das Projekt zu reanimieren. Die Bänder der Sessions von 1967 waren allerdings in einem erbärmlichen Zustand und mussten aufwändig restauriert werden, was mit den heutigen technischen und digitalen Möglichkeiten zwar möglich war, aber eine recht lange Zeit in Anspruch nahm. Trotzdem war das Ergebnis beeindruckend. Das Problem war nur: Die Tracks waren gar nicht fertig arrangiert. Jeder heutige Musiker würde an diesem Punkt vielleicht sagen: Okay, nehmen wir die ganzen Songs neu auf und veröffentlichen sie. Nicht so Young: Er hatte vielmehr die Idee, zu den bereits bestehenden Spuren von 1967 zusätzliche neue Spuren einfach aufzunehmen und sie mit den ursprünglichen Spuren zusammenzumischen zu einem Ganzen.

Ueberrascht waren die beteiligten Musiker dann, wie frisch die Songs von damals noch immer klangen. Da war keine Musik zu hören, die längst überholt und "alt" war. Im Gegenteil: Die in den 80er Jahren vor allem in Grossbritannien entstandene Neo Psychedelic Welle klang da in der Tat auch nicht gross anders, hatte aber natürlich den direkten Bezug zu Aufnahmen aus den 60er Jahren nicht, und vor allem: Das waren eher junge Menschen, die den Geist der 60er Jahre wiederaufleben lassen wollten, wohingegen die Musiker von UNICORN echte Zeitzeugen der damaligen Aera waren: Musiker, die jene Zeit selber akustisch gelebt hatten. So konnten alle Stücke des am Ende doch noch veröffentlichten Albums "The Cosmic Storyteller" vor allem aus dem Gedächtnis heraus fertiggestellt werden: Die Musiker begaben sich innerlich auf Zeitreise zurück in die 60er Jahre, verwendeten für die zusätzlichen Aufnahmen altes, originales Equipment, das teils alles andere als leicht aufzutreiben war und stellten Stück für Stück die ursprünglichen Titel des geplanten Albums fertig.

Am Ende konnte "The Cosmic Storyteller" dann doch noch erscheinen und die Band versprach auch viele Konzerte und sogar ein Buch. Gekommen ist dann aber letztlich doch nicht mehr allzu viel, denn die Platte brachte über 30 Jahre nach ihrer Entstehung nicht die gewünschte Resonanz beim Publikum. Gerne hätten die Musiker an dem Werk noch weitergetüftelt, doch die Plattenfirma, die sich bereiterklärt hatte, das Werk zu finanzieren und zu veröffentlichen, zog den Finanz-Stecker. Was am Ende allerdings zu hören war, konnte von A bis Z begeistern. Ein Album, das den Geist von über 30 Jahren in sich trug, eine enorme stilistische Vielfalt bot und natürlich absolut authentisch klang. Von klaren Enflüssen etwa der Band Beau Brummels in ihren folkrockigen Momenten, über den anpsychedelisierten Folkrock der Byrds, über jazzige Teile, insbesondere nachzuhören im fulminanten Schlusstitel "The Final Run" bis hin zu hartem orgellastigen Psych-Hardrock im Titelstück war der Band letztlich doch noch das gelungen, was sie über drei Jahrzehnte zuvor nicht geschafft hatte: Ein generationsübergreifendes Album zu veröffentlichen. Nach 34 Jahren war es endlich geschafft.


 

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