Steve Hackett live 2019 (Selling England by the Pound...)

Perfectionist

Aktives Mitglied
(Konzertbericht aus der Liederhalle, 26.4.2019)

Steve Hackett verspricht eine Mischung aus Stücken von drei Alben. Einerseits lässt ihn Genesis, die er bereits 1977 verlassen hat, nicht los und nach mehreren "Genesis Revisited"-Touren bringt er diesmal zum ersten Mal ein ganzes Klassikeralbum der Band auf die Bühne -"Selling England by the Pound", nicht nur sein Favorit unter den Genesis-Alben, sondern auch bei vielen Fans immer noch extrem hoch im Kurs. Dazu kommen große Teile seines dritten Soloalbums "Spectral Mornings" von 1979 zu dessen 40. Jubiläum und Auszüge aus der neuen Produktion "At the Edge of Light". Keine Vorband, Beginn um 20 Uhr (und ein paar Zerquetschte - laut meinem Nebensitzer ein Zeichen dafür, dass Hackett alt wird, denn früher hätte er immer pünktlich begonnen). Der Hegelsaal der Liederhalle ist nicht ganz ausverkauft, aber schon ziemlich gut gefüllt.

Auch wenn kein Zweifel besteht, dass viele eher wegen des Genesis-Blocks gekommen sind (nach der Zugfahrt treffe ich an der S-Bahn-Haltestelle noch einen Herrn im Rush-T-Shirt, der "Tigermoth" "schrecklich" findet - mir eher unverständlich), bekommen die Solosongs in der ersten Hälfte mehr als nur höflichen Beifall. Gleich bei "Every Day", dem perfekten Opener (nach dem Intro-Tape, einem kurzen Ausschnitt von "Tigermoth"), fällt auf, wie originalgetreu Hacketts Band den Sound der Studioversion reproduziert - und das, obwohl von den Mitmusikern kein einziger an der Originalversion mitgewirkt hat! Man bleibt aber nicht bei "Spectral Mornings", sondern wechselt sofort mit drei Tracks zu "At the Edge of Light". Es sind die drei naheliegendsten, denn für die anderen fehlt es an entsprechenden Musikern/Instrumenten/Orchestern/Chören. Und es sind auch sicher mit die besten: Das heftige Yes-artige "Under the Eye of the Sun" steigert die Stimmung noch, und mit den ineinander übergehenden Openern des 2019er-Albums "Fallen Walls and Pedestals" und "Beasts in Our Time" wird es sodann episch. Holzbläser Rob Townsend nimmt viel Raum ein, bei "Beasts" glänzt er mit dem Tenorsaxofon und zeigt, dass die (erst bei der Zugabe lesbare) Aufschrift "Smooth Jazz Sucks" auf seinem T-Shirt ernst gemeint ist, denn das ist schon Jazz, was er da spielt, aber sicher kein smoother. (Townsends Equipment ist übrigens mit Stickern dekoriert, auf denen fast ausnahmslos "fck brxt" steht.) Bei anderen Songs, wie z.B. "Every Day", oder auch den Genesis-Nummern, übernimmt er mit dem Sopransax Gitarrenmelodien, sodass auch ursprünglich von Hackett alleine per Overdub eingespielte Twin-Leads überzeugend klingen.

Was den Sound angeht... nun, seit ich meine "audiophilen" Ohrstöpsel habe, stört mich überzogene Lautstärke nicht mehr ganz so sehr, dennoch war es mir klar zu laut. Immerhin litt der Gesamtklang noch nicht allzu sehr darunter, denn Verzerrungen o.ä. waren eher nicht zu hören. Trotzdem bin ich der Meinung, dass hier weniger mal wieder mehr gewesen wäre. Ich hatte einen recht guten Blick aufs Mischpult und konnte sehen, dass die Lautstärkeanzeigen fast alle andauernd im roten Bereich waren, selbst an weniger lauten Stellen!

In der ersten Hälfte ist Platz für Zwischenbemerkungen des Gitarrenmeisters. Hacketts Ansagen sind allerdings etwas hölzern, und wirklich viel Neues konnte ich ihnen auch nicht entnehmen. Musikalisch überzeugt er dagegen vollumfänglich. Mehrmals stand mir vor Staunen der Mund offen: Was für ein Musiker! Ein Virtuose an den sechs Saiten und diversen Effektpedalen, mit scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und Ausdrucksweisen. Eigentlich schon fast pervers, dass sein Name nach wie vor nicht allzu vielen außerhalb des Prog-Zirkels ein Begriff ist. Ich denke, dass es nicht zu hoch gegriffen ist, ihn mit Gary Moore und Jimi Hendrix auf eine Stufe zu setzen. Nicht als Sänger, wohlgemerkt, aber bei seinen Solosongs hat er auch am Mikro eine ordentliche Leistung gezeigt.

Die Reihenfolge der "Spectral Mornings"-Songs ist ein wenig verändert, und "Tigermoth" gab es nur als etwas unvollständig wirkendes Instrumental, aber das düster-wuchtige "Clocks" stellt einen gelungenen Abschluss der ersten Hälfte dar. Craig Blundell, der "Neue" am Drumset, trommelte nicht nur hier auf absolutem Weltklasseniveau.

Weiter geht es dann mit dem kompletten "Selling England by the Pound". Weitgehend originalgetreu, aber nicht ohne Variationen. Bei "Dancing with the Moonlit Knight" ist der Schluss ein wenig abgewandelt. "I Know What I Like (In Your Wardrobe)" war auch schon zu Genesis-Zeiten immer gerne Sprungbrett für kleine Jamsessions, diesmal ist das Stück aber der absolute Hammer. Erst greift Rob Townsend mit einem Saxofonsolo ins Geschehen ein, dann legt Hackett los und liefert ein Bluesgitarrensolo, das völlig aus dem Rahmen fällt und dann auch noch zu einem irren Doubletime-Brecher mutiert. Explosiv! Genial!

Ausgerechnet beim wohl besten Genesis-Song überhaupt, "Firth of Fifth", habe ich dafür ein paar kleinere Kritikpunkte, die allerdings wohl nicht nur an diesem Abend zutreffen. Einzelne Passagen sind zu langsam, wodurch besonders die Reprise der Eröffnung in der Mitte nicht die überwältigende Wucht des Originals erreichen kann. Es tut mir richtig Leid um Craig Blundell, der einzig wegen des lahmarschigen Tempos hier nicht in bester Phil-Collins-Manier glänzen kann (was er, anders als Gary O'Toole, definitiv kann). Da sollte sich der Drummer mal beim Keyboarder beschweren. Zum Anderen gehört der Flötenpart m.E. einfach auf einer Flöte gespielt und nicht auf einem Sopransaxofon. Aber da ist halt dann auch die Krux: Während "I Know What I Like" von den Abwandlungen profitiert und live neues Leben bekommt, kann man "Firth of Fifth" eigentlich nur gerecht werden, indem man es so originalgetreu wie möglich spielt.

An "More Fool Me" hatte ich ein paar Erwartungen, aber leider gewinnt die Band dem Song keine neuen Facetten ab, sodass er kaum mehr glänzen kann als das verschämt klingende Original. Nad Sylvan, im ersten Teil kaum auf der Bühne zu sehen, wird natürlich für die Genesis-Songs als Peter-Gabriel-"Ersatz" gebraucht. Meine Meinung zu ihm ist zwiegespalten: Einerseits trifft er manchmal die Töne nicht richtig und entwickelt auch nicht den für einige Parts nötigen Druck, andererseits lebt er die Songs total und sorgt alleine dadurch für eine überzeugende Vorstellung. Hier sei besonders seine Interpretation von "The Battle of Epping Forest" gelobt, das ja nicht nur wegen der Riesenmenge von Text schwierig ist - aber Sylvan "kann" den Song nicht nur, sondern er übernimmt sogar die vielen verschiedenen Dialekte und stimmlichen Färbungen des Originals. Und bei "Deja Vu" in Paul Carracks Fußstapfen zu treten, ist auch nicht gerade das Einfachste, aber auch hier gibt er sich keine Blöße. Apropos: Auch wenn ich rein musikalisch keine Verbindung zwischen "Deja Vu" und den "Selling England"-Songs ziehen könnte und denke, dass die Single-B-Seite "Twilight Alehouse" wahrscheinlich genauso relevant für die Ära wäre, hat der Song mich mit am meisten beeindruckt. Gänsehaut!

Der fast 70-jährige Hackett mag sich äußerlich sehr gut gehalten haben und zaubert scheinbar völlig problemlos die schwierigsten Läufe aus seiner Les Paul hervor, aber an manchen Stellen merkt man ihm dann schon an, dass ihn die Show schlaucht und er sich ab und zu mal auf dem Schlagzeugpodest ausruhen muss. Immerhin kommt ihm die Aufteilung der Show da ein bisschen entgegen, denn Genesis waren ja nie eine gitarrendominierte Band und so hat er während einiger langer Keyboardpassagen gar nichts zu tun. Hätte er das Konzert nur mit seinen Solosongs bestückt, wäre die Lage womöglich anders. Am Ende mit "Dance on a Volcano" und der einzigen Zugabe, dem geradezu manisch interpretierten "Los Endos", wirft sich die Band auch noch in zwei der anspruchsvollsten Genesis-Stücke, und sorgt somit für einen wirklich beeindruckenden und überwältigenden Schluss.

Die Beleuchtung ist intelligent und angemessen. Manchmal fühlt man sich an das Cover von "Seconds Out" erinnert, an anderen Stellen rotieren die Diskokugeln oder die Scheinwerfer (etwas befremdlich: Die Scheinwerfer rotierten auch nach Ende des Songs noch minutenlang, ohne zu leuchten?!), aber es wirkt nie übertrieben oder effekthascherisch.

Hinter mir saßen übrigens zwei eclipsed-Leser, die sich wunderten, ob wohl jemand vom eclipsed dabei wäre - und noch nie vom eclipsed-Forum gehört hatten! Also bitte, das Forum muss im Heft präsenter werden...

Wer noch die Möglichkeit hat, Hackett auf seiner aktuellen Tour zu sehen: Hingehen!
 

Lamneth

Aktives Mitglied
@Perfectionist
Vielen Dank für diesen Bericht !! Erst vor kurzem habe ich mich gegen das Dream Theater Konzert in Mainz entschieden, und dafür mir eine Karte für Steve Hackett besorgt. Durch deinen Bericht fühle ich mich in dieser Entscheidung bestätigt.
Auch ich liebe Selling England By The Pound über Alles, und Firth Of Fifth ist mein Lieblingssong.
Danke !!:)
 

Music is Live

Aktives Mitglied
da hast du deinen Spass gehabt.... trotz der kleinen Kritikpunkte scheint es ein Treffer gewesen zu sein....:)

ich sah ihn vor ein paar Jahren zur Genesis Revisted Tour..... auch mit Nad Sylvan, der mich begeisterte und damals noch Nick Beggs am Bass, der mir ja auch sehr gut gefällt, seid er in der Progwelt angekommen ist.... eine schöne Erinnerung, die dein Bericht auffrischte.... danke dir dafür.... ;)
 

Perfectionist

Aktives Mitglied
da hast du deinen Spass gehabt.... trotz der kleinen Kritikpunkte scheint es ein Treffer gewesen zu sein....:)

ich sah ihn vor ein paar Jahren zur Genesis Revisted Tour..... auch mit Nad Sylvan, der mich begeisterte und damals noch Nick Beggs am Bass, der mir ja auch sehr gut gefällt, seid er in der Progwelt angekommen ist.... eine schöne Erinnerung, die dein Bericht auffrischte.... danke dir dafür.... ;)
Ich merke gerade, dass ich Jonas Reingold völlig unterschlagen habe. Wie konnte ich nur? :rolleyes: Dieses Doppelhals-Teil ist nicht ganz leicht zu schultern, soweit ich weiß...

Kritikpunkte finde ich eigentlich irgendwie bei allem und jedem. Es ist manchmal echt schwer, das Haar in der Suppe als Nudel zu akzeptieren :D Die Ausnahmen sind wirklich sehr wenige. Hätten Marillion bei ihrem Konzert "Neverland" gespielt, das wäre so ein Moment gewesen, der Song macht mein kritisches Denken aus...
 

Marifloyd

Inventar
(Konzertbericht aus der Liederhalle, 26.4.2019)

Steve Hackett verspricht eine Mischung aus Stücken von drei Alben. Einerseits lässt ihn Genesis, die er bereits 1977 verlassen hat, nicht los und nach mehreren "Genesis Revisited"-Touren bringt er diesmal zum ersten Mal ein ganzes Klassikeralbum der Band auf die Bühne -"Selling England by the Pound", nicht nur sein Favorit unter den Genesis-Alben, sondern auch bei vielen Fans immer noch extrem hoch im Kurs. Dazu kommen große Teile seines dritten Soloalbums "Spectral Mornings" von 1979 zu dessen 40. Jubiläum und Auszüge aus der neuen Produktion "At the Edge of Light". Keine Vorband, Beginn um 20 Uhr (und ein paar Zerquetschte - laut meinem Nebensitzer ein Zeichen dafür, dass Hackett alt wird, denn früher hätte er immer pünktlich begonnen). Der Hegelsaal der Liederhalle ist nicht ganz ausverkauft, aber schon ziemlich gut gefüllt.

Auch wenn kein Zweifel besteht, dass viele eher wegen des Genesis-Blocks gekommen sind (nach der Zugfahrt treffe ich an der S-Bahn-Haltestelle noch einen Herrn im Rush-T-Shirt, der "Tigermoth" "schrecklich" findet - mir eher unverständlich), bekommen die Solosongs in der ersten Hälfte mehr als nur höflichen Beifall. Gleich bei "Every Day", dem perfekten Opener (nach dem Intro-Tape, einem kurzen Ausschnitt von "Tigermoth"), fällt auf, wie originalgetreu Hacketts Band den Sound der Studioversion reproduziert - und das, obwohl von den Mitmusikern kein einziger an der Originalversion mitgewirkt hat! Man bleibt aber nicht bei "Spectral Mornings", sondern wechselt sofort mit drei Tracks zu "At the Edge of Light". Es sind die drei naheliegendsten, denn für die anderen fehlt es an entsprechenden Musikern/Instrumenten/Orchestern/Chören. Und es sind auch sicher mit die besten: Das heftige Yes-artige "Under the Eye of the Sun" steigert die Stimmung noch, und mit den ineinander übergehenden Openern des 2019er-Albums "Fallen Walls and Pedestals" und "Beasts in Our Time" wird es sodann episch. Holzbläser Rob Townsend nimmt viel Raum ein, bei "Beasts" glänzt er mit dem Tenorsaxofon und zeigt, dass die (erst bei der Zugabe lesbare) Aufschrift "Smooth Jazz Sucks" auf seinem T-Shirt ernst gemeint ist, denn das ist schon Jazz, was er da spielt, aber sicher kein smoother. (Townsends Equipment ist übrigens mit Stickern dekoriert, auf denen fast ausnahmslos "fck brxt" steht.) Bei anderen Songs, wie z.B. "Every Day", oder auch den Genesis-Nummern, übernimmt er mit dem Sopransax Gitarrenmelodien, sodass auch ursprünglich von Hackett alleine per Overdub eingespielte Twin-Leads überzeugend klingen.

Was den Sound angeht... nun, seit ich meine "audiophilen" Ohrstöpsel habe, stört mich überzogene Lautstärke nicht mehr ganz so sehr, dennoch war es mir klar zu laut. Immerhin litt der Gesamtklang noch nicht allzu sehr darunter, denn Verzerrungen o.ä. waren eher nicht zu hören. Trotzdem bin ich der Meinung, dass hier weniger mal wieder mehr gewesen wäre. Ich hatte einen recht guten Blick aufs Mischpult und konnte sehen, dass die Lautstärkeanzeigen fast alle andauernd im roten Bereich waren, selbst an weniger lauten Stellen!

In der ersten Hälfte ist Platz für Zwischenbemerkungen des Gitarrenmeisters. Hacketts Ansagen sind allerdings etwas hölzern, und wirklich viel Neues konnte ich ihnen auch nicht entnehmen. Musikalisch überzeugt er dagegen vollumfänglich. Mehrmals stand mir vor Staunen der Mund offen: Was für ein Musiker! Ein Virtuose an den sechs Saiten und diversen Effektpedalen, mit scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und Ausdrucksweisen. Eigentlich schon fast pervers, dass sein Name nach wie vor nicht allzu vielen außerhalb des Prog-Zirkels ein Begriff ist. Ich denke, dass es nicht zu hoch gegriffen ist, ihn mit Gary Moore und Jimi Hendrix auf eine Stufe zu setzen. Nicht als Sänger, wohlgemerkt, aber bei seinen Solosongs hat er auch am Mikro eine ordentliche Leistung gezeigt.

Die Reihenfolge der "Spectral Mornings"-Songs ist ein wenig verändert, und "Tigermoth" gab es nur als etwas unvollständig wirkendes Instrumental, aber das düster-wuchtige "Clocks" stellt einen gelungenen Abschluss der ersten Hälfte dar. Craig Blundell, der "Neue" am Drumset, trommelte nicht nur hier auf absolutem Weltklasseniveau.

Weiter geht es dann mit dem kompletten "Selling England by the Pound". Weitgehend originalgetreu, aber nicht ohne Variationen. Bei "Dancing with the Moonlit Knight" ist der Schluss ein wenig abgewandelt. "I Know What I Like (In Your Wardrobe)" war auch schon zu Genesis-Zeiten immer gerne Sprungbrett für kleine Jamsessions, diesmal ist das Stück aber der absolute Hammer. Erst greift Rob Townsend mit einem Saxofonsolo ins Geschehen ein, dann legt Hackett los und liefert ein Bluesgitarrensolo, das völlig aus dem Rahmen fällt und dann auch noch zu einem irren Doubletime-Brecher mutiert. Explosiv! Genial!

Ausgerechnet beim wohl besten Genesis-Song überhaupt, "Firth of Fifth", habe ich dafür ein paar kleinere Kritikpunkte, die allerdings wohl nicht nur an diesem Abend zutreffen. Einzelne Passagen sind zu langsam, wodurch besonders die Reprise der Eröffnung in der Mitte nicht die überwältigende Wucht des Originals erreichen kann. Es tut mir richtig Leid um Craig Blundell, der einzig wegen des lahmarschigen Tempos hier nicht in bester Phil-Collins-Manier glänzen kann (was er, anders als Gary O'Toole, definitiv kann). Da sollte sich der Drummer mal beim Keyboarder beschweren. Zum Anderen gehört der Flötenpart m.E. einfach auf einer Flöte gespielt und nicht auf einem Sopransaxofon. Aber da ist halt dann auch die Krux: Während "I Know What I Like" von den Abwandlungen profitiert und live neues Leben bekommt, kann man "Firth of Fifth" eigentlich nur gerecht werden, indem man es so originalgetreu wie möglich spielt.

An "More Fool Me" hatte ich ein paar Erwartungen, aber leider gewinnt die Band dem Song keine neuen Facetten ab, sodass er kaum mehr glänzen kann als das verschämt klingende Original. Nad Sylvan, im ersten Teil kaum auf der Bühne zu sehen, wird natürlich für die Genesis-Songs als Peter-Gabriel-"Ersatz" gebraucht. Meine Meinung zu ihm ist zwiegespalten: Einerseits trifft er manchmal die Töne nicht richtig und entwickelt auch nicht den für einige Parts nötigen Druck, andererseits lebt er die Songs total und sorgt alleine dadurch für eine überzeugende Vorstellung. Hier sei besonders seine Interpretation von "The Battle of Epping Forest" gelobt, das ja nicht nur wegen der Riesenmenge von Text schwierig ist - aber Sylvan "kann" den Song nicht nur, sondern er übernimmt sogar die vielen verschiedenen Dialekte und stimmlichen Färbungen des Originals. Und bei "Deja Vu" in Paul Carracks Fußstapfen zu treten, ist auch nicht gerade das Einfachste, aber auch hier gibt er sich keine Blöße. Apropos: Auch wenn ich rein musikalisch keine Verbindung zwischen "Deja Vu" und den "Selling England"-Songs ziehen könnte und denke, dass die Single-B-Seite "Twilight Alehouse" wahrscheinlich genauso relevant für die Ära wäre, hat der Song mich mit am meisten beeindruckt. Gänsehaut!

Der fast 70-jährige Hackett mag sich äußerlich sehr gut gehalten haben und zaubert scheinbar völlig problemlos die schwierigsten Läufe aus seiner Les Paul hervor, aber an manchen Stellen merkt man ihm dann schon an, dass ihn die Show schlaucht und er sich ab und zu mal auf dem Schlagzeugpodest ausruhen muss. Immerhin kommt ihm die Aufteilung der Show da ein bisschen entgegen, denn Genesis waren ja nie eine gitarrendominierte Band und so hat er während einiger langer Keyboardpassagen gar nichts zu tun. Hätte er das Konzert nur mit seinen Solosongs bestückt, wäre die Lage womöglich anders. Am Ende mit "Dance on a Volcano" und der einzigen Zugabe, dem geradezu manisch interpretierten "Los Endos", wirft sich die Band auch noch in zwei der anspruchsvollsten Genesis-Stücke, und sorgt somit für einen wirklich beeindruckenden und überwältigenden Schluss.

Die Beleuchtung ist intelligent und angemessen. Manchmal fühlt man sich an das Cover von "Seconds Out" erinnert, an anderen Stellen rotieren die Diskokugeln oder die Scheinwerfer (etwas befremdlich: Die Scheinwerfer rotierten auch nach Ende des Songs noch minutenlang, ohne zu leuchten?!), aber es wirkt nie übertrieben oder effekthascherisch.

Hinter mir saßen übrigens zwei eclipsed-Leser, die sich wunderten, ob wohl jemand vom eclipsed dabei wäre - und noch nie vom eclipsed-Forum gehört hatten! Also bitte, das Forum muss im Heft präsenter werden...

Wer noch die Möglichkeit hat, Hackett auf seiner aktuellen Tour zu sehen: Hingehen!
Vielen Dank für den interessanten und ausführlichen Bericht. Ich mag die Musik von Hackett sehr.
 

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