Prog-Stilkunde nach 2000

Fox

Mitglied
Wow... mal reingehört in der Tube und bin hin und weg :)
Cool, das freut mich. Ich liebe sie.

Worauf ich hinaus wollte: Circa Survive werden werbetechnisch von Seiten ihrer Plattenfirma als "Prog-Juggernauts" bezeichnet. Sogar in Wiki steht, sowohl im Original, als auch im deutschen Eintrag unter Stil "Progressive Rock" - damit ist halt nicht "unser" Prog gemeint, sondern das, was sich in den USA aus der Post-Hardcore-Szene heraus entwickelt hat, wie u.a. The Mars Volta, The Receiving End of Sirens, The Dear Hunter und eben Circa Survive. Etc...
 
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WeepingElf

Aktives Mitglied
Ich bin mir immer noch nicht schlüssig, ob die Benennung einer gewissen, aus dem Postrock hervorgegangenen Musikrichtung als "Prog(ressive) Rock" auf eine vermeintliche (aber meines Erachtens nicht gegebene) Verwandtschaft mit Prog zurückzuführen ist, oder ob die Wortgleichheit reiner Zufall ist, dass das "Progressive" dort ganz anders gemeint ist, etwa so, wie das die deutsche Wikipedia (in der englischen steht was ganz anderes) für den Progressive House meint, nämlich die changierenden, einem Höhepunkt am Ende des Stücks zustrebenden Texturen. (Womit noch nicht gesagt wäre, dass die Bezeichnung von dort auf den Progrock übertragen wurde, es kann auch umgekehrt oder voneinander unabhängig gewesen sein). So oder so, diese Bezeichnung kam Mitte der 90er Jahre auf, als sich aus dem Postrock etwas (vermeintlich - ich höre da kaum einen Unterschied) Neues entwickelte, das einen neuen Namen brauchte.

Für die "Zufalls"-Hypothese spricht vielleicht der Umstand, dass Prog Mitte der 90er im Bewusstsein der Alternative-Rock-Szene noch völlig "weg vom Fenster" war. Zwar sprachen die Prog-Fans in ihren einschlägigen Fanzines und Internetforen schon munter von "Prog", aber das war noch weitgehend ein "geschlossener" Mikrokosmos, wovon man etwa als Spex- oder Visions-Leser keinen Pups mitbekam. Natürlich konnten sich noch viele Leute an den klassischen Prog der 70er erinnern (sowie an Marillion in den 80ern, aber eine einzelne Band - dass es noch mehr Neoprogbands gab, wussten nur die Insider - macht noch kein Genre, und Marillion galten einfach als komische Käuze, die einen musikalischen Zombie wiederzubeleben versuchten ;) ), aber das lief damals meistens unter "Artrock" oder unter wenig schmeichelhaften Bezeichnungen wie "Pomp-Rock", "Bombastrock" oder "Dinosaurier", und galt als dermaßen nerdig und altmodisch, dass damit niemand was zu tun haben wollte. Wer sollte da etwas, was er für den heißesten Scheiß hielt, nach so was "Uncoolem" benennen? Zumal die Ähnlichkeiten zwischen Prog und Progrock nun wirklich kaum zu erkennen sind, wenn man mal von der bloßen Länge der Stücke absieht.

Der Technical Extreme Metal scheint mir auch eher, was den "Prog"-Anteil betrifft, vom Progrock im Sinne des Alternative Rock herzukommen als vom Prog.

Der letzte gemeinsame Vorfahre von Prog und Progrock war (etwas überspitzt) der Skiffle in den späten 50ern. Daraus entstand dann über die Beatles der Prog, und über die Rolling Stones, den frühen Hardrock, Punk, Postpunk und Postrock der Progrock.

Was die Bezeichnung "Artrock" anbetrifft, so kommt man damit zwar aus dieser Zwickmühle heraus, aber gerät rasch in eine andere, denn diese Bezeichnung ist ebenfalls umgewertet worden, wird heute oft auf "erwachsenere" Spielarten des Glamrock wie z. B. Roxy Music oder David Bowie angewandt. Und die Eclipsed nennt ja ein Gebiet, das sich mit dem Progrock (im Sinne des Alternative Rock) zumindest stark überschneidet, "New Artrock". Überhaupt wird bisweilen unter "Artrock" so gut wie alle Rockmusik mit einem irgendwie gearteten Kunstanspruch subsumiert, das reicht dann von Pink Floyd bis Sonic Youth. "Trennscharf" kann man so was nun wirklich nicht mehr nennen ;)
 

Georg

Alter Hase
(...) Sogar in Wiki steht, sowohl im Original, als auch im deutschen Eintrag unter Stil "Progressive Rock" - damit ist halt nicht "unser" Prog gemeint, sondern das, was sich in den USA aus der Post-Hardcore-Szene heraus entwickelt hat, wie u.a. The Mars Volta, The Receiving End of Sirens, The Dear Hunter und eben Circa Survive. Etc...
Ja, das scheint mir auch die passendste Erklärung zu sein, dass hier eine Definition aus den USA und GB zwei andere Musikrichtungen bezeichnen
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
In den späten 60er Jahren wurde das Adjektiv "progressive" auch für vieles verwendet, was heute nicht mehr als Prog gilt, von den Grateful Dead über Jimi Hendrix bis Frank Zappa. Also alles, was damals neu und aufregend war. Auch in Deutschland wurde das, was man heute Krautrock nennt, oft als "progressive Musik" bezeichnet. Es gab ja damals so viel bunt schillerndes Zeug, dass man (noch) keine nähere Genrezuordnung machen konnte. Erst als sich am Ende des Jahrzehnts aus dieser "kambrischen Explosion der Rockmusik", wie ich das gerne nenne (das Kambrium war ein Erdzeitalter, vor etwas mehr als 500 Millionen Jahren, in der sich der Stammbaum des Lebens in kurzer Zeit gewaltig auffächerte und alle heute bestehenden - und viele heute ausgestorbene - Grundbaupläne in Erscheinung traten, was als "kambrische Explosion" bezeichnet wird), neben anderen das Genre auskristallisierte, was wir heute "Prog" nennen, wurde die Bezeichnung auf dieses eingeengt.

Es mag dies aber auch ein unterschiedlicher Gebrauch in den USA und in England gewesen sein, und der Prog entstand ja bekanntlich in England. Es mag sein, dass die Amerikaner die ganze "kambrische Explosion" so nannten und die Engländer eben nur den eigentlichen Prog; das müsste man noch genauer recherchieren. Dieser Unterschied hätte ja auch in etwa den Unterschieden in der Entwicklung der Rockmusik in den beiden Ländern entsprochen. In den USA entwickelte jede Region ihr eigenes Ding, selbst zwischen San Francisco und Los Angeles gab es himmelweite Unterschiede (man vergleiche mal die Grateful Dead mit den Doors!), während in England (jedenfalls im hippiesken Milieu) eben der Prog dominierte. Prog war die typische englische Ausformung der "progressiven Musik", so wie Krautrock eben die typische westdeutsche war. Das hängt natürlich wiederum mit den unterschiedlichen Landesgeschichten zusammen. Von Benjamin Britten und dem ruhmreichen Verteidigungskrieg der Väter der englischen Hippies gelangt man zum Prog; von Karlheinz Stockhausen und dem schändlichen Vernichtungskrieg der Väter der deutschen Hippies zum Krautrock. Will sagen: die Engländer konnten an ihre Traditionen anknüpfen, die in Deutschland unwiderruflich in den Dreck gezogen worden waren; und die englische "klassische" Gegenwartsmusik war traditioneller und zugänglicher als die deutsche.

"Artrock" ist am besten als Synonym zu "Prog" zu verstehen; es gibt zwar viele, die die beiden Termini unterschiedlich definieren, aber sie werden sich partout nicht einig, wo genau der Unterschied liegt. So bezeichnet Andreas Hinners etwa das, was Ende der 60er "progressive Musik" genannt wurde, als "Progressive Rock" und den eigentlichen Prog als "Artrock". Woanders wird unter "Artrock" eine Art "Vorhof" des Prog verstanden, wo alles hingehört, was irgendwie "proggig" aber kein "richtiger" Prog ist, also solche Sachen wie Barclay James Harvest oder Supertramp. Wieder andere verwenden heutzutage "Artrock" ohne jeden Bezug zu Prog für "erwachsenen" Glamrock (Bowie, Roxy Music u.ä.), oder für noch was anderes. Und "New Artrock" ist meines Erachtens so unklar definiert, dass man damit nicht viel anfangen kann.
 

Georg

Alter Hase
Ich habe immer noch Schwierigkeiten mit dieser Artrock-Bezeichnung, da ich diesen Begriff früher eher mit moderner Kunst (die Documenta ist ja hier alle 6 Jahre bei uns angesagt) verknüpft hatte und somit mit avangardistischer Musik (ich lasse mal bewußt die Bezeichnung "Prog" weg, also etwa Felix Kubin. Inzwischen mache ich da einen Bogen um diesen "Artrock" da es anscheinend eher in den Bereich der "leichten Muse" einzuordnen ist.
Das ärgert mich, da ich "Kunst" "Art" als etwas kreatives, spannendes, aufregendes wahrnehme und nicht als weichgespülte Musik, die sich bereits nach dem ersten Durchgang im Ohr festsetzt; da würde ich eher noch eine fantasievolle Bühnenshow oder ein außergewöhnliches Äußeres der Musiker mit dieser Bezeichnung akzeptieren... oder so... hmmm Alice Cooper als Artrocker hmmm, na..ja.. dann schon eher das Chamäleon David Bowie, den ich da nicht mit den Glamrockern in eine Schublade stecken möchte...
Krautrock steht für mich als Herkunftsbezeichnung für Rock u. Pop Musik aus der BRD in den 60er und siebziger Jahren Punkt
 

Music is Live

Alter Hase
eure wissentschaftliche Ausführungen mal in aller Ehre gewürdigt....

doch ich darf mal meinen Gedankengang zum Begriff Prog incl. all seiner Verästelung...
ich empfinde als Prog wenn ich etwas neues denke zu entdecken..... neues im Song/Soundwriting.... ob dies dann tasächlich neu ist, weiß ich meisten gar nicht, weil ich nicht alles kenne....
dies Neue kann sich auf die Art Crossover zwischen verschiedenen Stilen sein, wie auch neue Spielweisen, die dann erstmal experimentel wirken....
aber auch altherkömmliches, nicht 08/15 geschriebene Song (anspruchsvoll sagen andere gerne ) zählt für mich zum Prog..... bestes Beispiel ist da Neal Morse, der sich doch irgenwo immer wiederholt, dabei jedoch auf genügend neues achtet..... und meisten ziemlich abgedrehte Songs schreibt, die viele Stilelemente des Progs erfüllen... (Tempi/Rhytmus, Breaks/Pausen und Stakkatohaft)....
auffallend für mich ist die meist recht hohe Fertigkeit am Instrument bzw. schwierige Gesangesleistungen (zweiteres schwächelt am meisten für mich)...
glücklich schätzen sich Bands, wo alle Beteiligten auf ähnlichen hohen Level agieren..... wie zb. Dream Theater (die anscheinend sich z.Z. selber im Wege stehen, warten wir kommendes Album ab)
oder auch Flower Kings, Pain of Salvation, Opeth, Porcupine Tree/Steven Wilson und eben auch Spock´s Beard (absichtlich keine alten Helden genannt, obwohl die natürlich auch dazugehören)
Sahnetüpfchen wie z.B. Transatlantic machen uns das Musikleben spannend....;)

Was die Medienwelt mit dem Begriff veranstaltet ist mir ziemlich gleich, ob nun The Mars Volta zum "post"Prog gehören oder nicht, macht die Musik für mich auch nicht schöner (finde die sogar grauenhaft)....
ob kleingespaltene Iron Maiden neuerdings zum "leichten" Progmetal zählen oder sie "weiterhin" nur eine gute, abwechslungsreiche Metalcombo ist, ändert deren Musik für mich auch nicht, wobei ich die besonders abwechslungreichen Songs (Empire of Clouds) und Randideen (To Tame a Land) lieber mag und auch mehr höre als deren andere Sachen (kann Maiden allerdings auch mal einen Tag lang durchlaufen lassen und habe Spass)....

Prog ist für mich individuell zu betrachten.... und jeder "normale" Musiker hat auch mal abgedrehte Ideen, die dann für ihn progressive sind....

seid ich, dank Gitarrenunterricht, versuche Arppegios mit Bluéspentatonick incl. Bluenotes zu verbinden und da rumexperimentiere, empfinde ich mich auch als progressive.... :D
für andere Spielende sind es evt. max. Aufwärmübungen....

Fazit. beim hören und beim spielen ist es immer individuell zu betrachten..... die Bezeichnungen seitens Medien können als "Wegschilder" dienen....
diese Erkenntnis lernte ich, by the way, durch meine lange Leserzugehörigkeit bei Eclipsed, wo ich mich dann unbekannten Tips hingab, die als Prog angepriesen wurden ich als standartisierten Rock empfand...
oder auch umgekehrt.... hier im Forum ist dann doch noch mehr meine eigene Auffassung von Prog vertreten, was auch den "man kennt sich ja nun schon länger incl. Musikgeschmack" Effekt liegt.....
und weil ich hier soviel neues kennen und schätzen gelernt habe ist dies Forum für mich doch sehr progressive..... ;):D
 

Jan

Aktives Mitglied
eure wissentschaftliche Ausführungen mal in aller Ehre gewürdigt....

doch ich darf mal meinen Gedankengang zum Begriff Prog incl. all seiner Verästelung...
ich empfinde als Prog wenn ich etwas neues denke zu entdecken..... neues im Song/Soundwriting.... ob dies dann tasächlich neu ist, weiß ich meisten gar nicht, weil ich nicht alles kenne....
dies Neue kann sich auf die Art Crossover zwischen verschiedenen Stilen sein, wie auch neue Spielweisen, die dann erstmal experimentel wirken....
aber auch altherkömmliches, nicht 08/15 geschriebene Song (anspruchsvoll sagen andere gerne ) zählt für mich zum Prog..... bestes Beispiel ist da Neal Morse, der sich doch irgenwo immer wiederholt, dabei jedoch auf genügend neues achtet..... und meisten ziemlich abgedrehte Songs schreibt, die viele Stilelemente des Progs erfüllen... (Tempi/Rhytmus, Breaks/Pausen und Stakkatohaft)....
auffallend für mich ist die meist recht hohe Fertigkeit am Instrument bzw. schwierige Gesangesleistungen (zweiteres schwächelt am meisten für mich)...
glücklich schätzen sich Bands, wo alle Beteiligten auf ähnlichen hohen Level agieren..... wie zb. Dream Theater (die anscheinend sich z.Z. selber im Wege stehen, warten wir kommendes Album ab)
oder auch Flower Kings, Pain of Salvation, Opeth, Porcupine Tree/Steven Wilson und eben auch Spock´s Beard (absichtlich keine alten Helden genannt, obwohl die natürlich auch dazugehören)
Sahnetüpfchen wie z.B. Transatlantic machen uns das Musikleben spannend....;)

Was die Medienwelt mit dem Begriff veranstaltet ist mir ziemlich gleich, ob nun The Mars Volta zum "post"Prog gehören oder nicht, macht die Musik für mich auch nicht schöner (finde die sogar grauenhaft)....
ob kleingespaltene Iron Maiden neuerdings zum "leichten" Progmetal zählen oder sie "weiterhin" nur eine gute, abwechslungsreiche Metalcombo ist, ändert deren Musik für mich auch nicht, wobei ich die besonders abwechslungreichen Songs (Empire of Clouds) und Randideen (To Tame a Land) lieber mag und auch mehr höre als deren andere Sachen (kann Maiden allerdings auch mal einen Tag lang durchlaufen lassen und habe Spass)....

Prog ist für mich individuell zu betrachten.... und jeder "normale" Musiker hat auch mal abgedrehte Ideen, die dann für ihn progressive sind....

seid ich, dank Gitarrenunterricht, versuche Arppegios mit Bluéspentatonick incl. Bluenotes zu verbinden und da rumexperimentiere, empfinde ich mich auch als progressive.... :D
für andere Spielende sind es evt. max. Aufwärmübungen....

Fazit. beim hören und beim spielen ist es immer individuell zu betrachten..... die Bezeichnungen seitens Medien können als "Wegschilder" dienen....
diese Erkenntnis lernte ich, by the way, durch meine lange Leserzugehörigkeit bei Eclipsed, wo ich mich dann unbekannten Tips hingab, die als Prog angepriesen wurden ich als standartisierten Rock empfand...
oder auch umgekehrt.... hier im Forum ist dann doch noch mehr meine eigene Auffassung von Prog vertreten, was auch den "man kennt sich ja nun schon länger incl. Musikgeschmack" Effekt liegt.....
und weil ich hier soviel neues kennen und schätzen gelernt habe ist dies Forum für mich doch sehr progressive..... ;):D
Du bringst es def. auf den Punkt. Allerdings staune ich immer wieder nicht schlecht, wie sich WeepingElf und neuerdings auch Fox hierzu Gedanken machen. Finde ich im übrigen sehr toll; wenngleich ein klitzekleines Mass an Haarspalterei da wohl betrieben werden muss :D Vielleicht bin ich - was das angeht - einfach zu faul ;). Ich unterscheide auch groß nicht zwischen den Oldies und dem neuen Kram! Eher mal im Genre selbst: Prog Folk, Prog Rock, Prog Metal und mein Steckenpferd den Prog Death (jaha: Technical Death Metal)
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
Ja, die Bezeichnung "Artrock" ist durch die unterschiedlichen Verwendungen dermaßen diffus geworden, dass sie eigentlich zu gar nichts mehr taugt. Was heißt das denn eigentlich? Rock, der Kunst ist? Ist nicht Musik generell Kunst, und hat nicht eigentlich jede Rock-Band den Anspruch, Musik zu machen, die mehr ist als nur leichte kommerzielle Unterhaltung, sondern etwas zum Ausdruck bringt? Insofern hat eigentlich alle Rockmusik einen Kunstanspruch, oder nicht? Man kommt dabei auch leicht dem Begriff "Kunstmusik" in die Quere, was der "offizielle" Name dessen ist, was gemeinhin als "klassische Musik" bezeichnet wird, womit wir uns letzten Endes in den E- vs. U-Musik-Sumpf begeben, und da will doch eigentlich keiner hin ;) Wenn man schließlich für "Musik" die Wortbildung "Tonkunst" einsetzt, wird "Kunstmusik" zu "Kunsttonkunst". Hä? Zweimal "Kunst" in einem Kompositum?

Zum Ursprung der Bezeichnung "Progressive Rock" habe ich bis vor kurzem die Theorie vertreten, dass das so heißt, weil die Musik durch unterschiedliche Werkteile "fortschreitet". Aber das, denke ich, ist jedenfalls nicht der Ursprung dieser Bezeichnung, auch wenn es typisch für Prog sein mag. Wie schon gesagt, wurde in den späten 60er Jahren praktisch alle gegenkulturelle, d.h. von Hippies, 68ern etc. gespielte und gehörte (damals) neumodische Musik als "progressiv" bezeichnet. Überhaupt war "progressiv" damals ein großes Schlagwort, das alles bezeichnete, was mit dem Anspruch daherkam, zu einer friedlicheren, freien, gerechteren Zukunft hin zu führen. So sprach Rolf Schwendter in seinem Standardwerk Theorie der Subkultur (1971) von "progressiven" (z. B. Hippies, Studentenbewegung, Arbeiterbewegung) und "regressiven" (z. B. Motorradgangs, Schützenvereine) Subkulturen. Was heute Krautrock heißt, hieß damals meistens "progressive Musik". Es war einfach die typisch deutsche Ausformung dessen, wessen typisch englische Ausformung eben der Progressive Rock war, und der heißt also einfach so, weil er Bestandteil dieser "progressiven" subkulturellen Strömungen war.

Und nachdem viele andere nationale und regionale Ausprägungen der "progressiven Musik" gegen Mitte der 70er Jahre an "Dampf" verloren und überall Bands gegründet wurden, die den britischen Vorbildern folgten (in Deutschland waren das zum Teil sogar ehemalige Krautrockbands wie Eloy oder Grobschnitt), zum globalen Phänomen wurde, wurde letztere allgemein unter "Progressive Rock" verstanden. Die Bedeutungsverschiebung von "jegliche mit progressiven Subkulturen verbundene Art von neuartiger Rockmusik" zu "ein bestimmtes Genre der Rockmusik, das in den späten 60er Jahren in England entstand" resultiert ganz einfach daraus, dass die englische Variante sich als zählebiger und international durchsetzungsfähiger erwies als alle anderen, die auf ihre jeweilige Nation oder Region (wie ich schon gesagt habe, gab es v. a. innerhalb der USA erhebliche Unterschiede zwischen den Regionen, selbst zwischen Nord- und Südkalifornien) begrenzt blieben und spätestens 1975 praktisch verschwunden waren. Und das ist der ganze Grund, warum wir uns unter dieser Rubrik über Yes und Pink Floyd und nicht über die Grateful Dead, die Doors oder Guru Guru unterhalten ;)
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
Ich will hier noch ein paar kleine Gedanken zum Thema Stilkunde loswerden, die vielleicht am ehesten hierin passen, auch wenn es nicht speziell um Prog-Stilkunde geht, sondern um Stilkunde allgemein.

Die meisten Stilbezeichnungen stammen nicht von den Musikern selbst, sondern von Musikjournalisten oder gar von den Plattenfirmen. Und der Hauptgrund, warum so viele Musiker derartige Bezeichnungen ablehnen, ist wahrscheinlich, dass diese anhand von Merkmalen definiert sind, die den Musiker selbst gar nicht so wichtig sind. "Das ist XY, weil es die und die BPM-Zahl hat"? Herrgott, irgend eine BPM-Zahl hat es nun mal! "Das ist mit Saxophon, also ist es ..."? Vielleicht hat die Band nur deshalb einen Saxophonisten, weil ein guter Freund eines anderen Bandmitglieds zufällig Saxophon spielt und dabei sein wollte, also darf der mitspielen, dabei war das nicht von vornherein so geplant.

Nur in Ausnahmefällen stammen Stilbezeichnungen von den Musikern selbst, und selbst dann versteht die schreibende Zunft es oft falsch. Schönes Beispiel: Industrial. Da gab es Ende der 70er in England eine Band namens Throbbing Gristle, die sagten, "Wir machen Industrial-Musik". Wie klingt's? Nach Industrielärm. Aha, denkt der Journalist, das heißt so, weil es danach klingt. Also wird heute das Etikett "Industrial" auf alles draufgepappt, was irgendwie nach Industrielärm klingt. FALSCH. Denn Throbbing Gristle haben seinerzeit ein Manifest verfasst, warum sie Industrial-Musik machen. Da steht was von "Entfremdung des Menschen im Industriezeitalter" oder so ähnlich (habe das Manifest selbst nicht gelesen), darum machen sie die Musik, die sie machen, eben so. Da ist also mehr dahinter als nur eine klangliche Nachahmung von Industrielärm, und ergo ist das allermeiste davon, was heute unter "Industrial" läuft, im Sinne von TG eben kein Industrial.

Schließlich kommt hinzu, dass, obwohl die meisten Genre- und Stilbezeichnungen aus dem Englischen stammen, viele davon in verschiedenen Ländern Unterschiedliches bedeuten. So ist in den USA Power Metal wohl was anderes als in Europa. Dass sich die englische und die deutsche Wikipedia in der Definition von Progressive House uneinig sind, ist vielleicht auch so ein Fall. Und umgekehrt gibt es natürlich auch den Fall, dass für die gleiche Musikrichtung in verschiedenen Ländern verschiedene Bezeichnungen gelten. (Es wird z. B. manchmal behauptet, dass der Unterschied zwischen Postrock und Shoegazing in dem Herkunftsland besteht - die Amerikaner nennen es Postrock, die Engländer Shoegazing.)

Dazu kommen Veränderungen der Bedeutung im Laufe der Zeit. In den späten 60ern war progressive (Rock-)Musik so ziemlich alles, was damals "neu" war im Bereich der Rockmusik, vom Folk-Rock Dylans und den Blues-Improvisationen der Cream über die Gitarren-Eskapaden eines Jimi Hendrix bis zu den psychedelischen Jams der Grateful Dead und dem Avantgardismus Zappas. In Deutschland war progressive Musik die gängigste Bezeichnung für das, was wir heute Krautrock nennen. Was wir heute Progressive Rock nennen, war damals eh erst im Entstehen, und wurde Artrock genannt, eine Bezeichnung, von der heute niemand so recht weiß, wie sie gegen Progressive Rock abzugrenzen ist. (In meinem Buch behandle ich es als Synonym, verweise weiterhin darauf, dass es keinen Konsens über verschiedene Bedeutungsnuancen gibt.)

Das Ergebnis sind endlose Debatten, was denn nun in welche Schublade gehört, oder vielleicht in keine passt. Hinzu kommt, dass die Kriterien für "Außenstehende" oft gar nicht nachvollziehbar sind, und es denen als willkürliche Korinthenkackerei anmutet, wenn Musik, die sich für sie gleich anhört, in verschiedene Kategorien einsortiert wird. So ist den EDMlern die BPM-Zahl sehr wichtig, weil sie eben für die dort übliche Präsentationsweise von Musik von essentieller Bedeutung ist, während anderswo kein Hahn danach kräht (und bei uns im Prog die BPM-Zahl oft noch nicht einmal innerhalb eines Stückes die gleiche bleibt!). Auch die Metalheads veranstalten bisweilen ein ziemliches Klein-Klein, wobei es einerseits um irgendwelche Merkmale der Musik, andererseits um Textinhalte geht, so dass die Köpfe rauchen, ob z. B. Amon Amarth Viking Metal oder Death Metal machen.

Und um konkret auf die Prog-Stilkunde zu kommen: Prog ist ja ein Genre, wo ein individueller Stil gewürdigt wird, und die Möglichkeiten vielfältig sind. Gerade deshalb ist es sicher nicht sinnvoll, da Dutzende kleiner Käfterchen einzurichten, auch wenn es durchaus Sinn ergibt, eine Handvoll breiter Kategorien zu unterscheiden, als da wären Proto-Prog, klassischer Prog, Canterbury-Prog, Avant-Prog, Hard-Prog, Neo-Prog, Prog-Metal, Retro-Prog, Deep Prog, Epic Prog. Das kann man dann bei Bedarf mit zusätzlichen Adjektiven spezifizieren, etwa "italienischer klassischer Prog" oder "floydiger Retroprog". Ich denke, mehr braucht man wirklich nicht.
 
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