KRAUTROCK

Senfei

Aktives Mitglied
Nun, "Kraut" ist nun mal ein Schimpfwort aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg - einen Deutschen "Kraut" zu nennen, ist ungefähr so schmeichelhaft, wie einen Afroamerikaner als "Nigger" zu titulieren. Zumal hier der negativste Aspekt des "Deutschseins" konnotiert war: die von den deutschen Soldaten begangenen Kriegsverbrechen nämlich. Und "Rock" war ja gerade die anglo-amerikanische "kulturimperialistische Besatzermusik", von der man sich so vehement absetzen wollte. Ob die englischen Musikjournalisten, die das erfunden hatten, es tatsächlich abwertend oder eher liebevoll-ironisch meinten, weiß ich nicht, ich vermute aber durchaus letzteres - aber es ist eben eine Bezeichnung, die den so titulierten Musikern nicht passte, weil sie eben aus einer herabwürdigenden Bezeichnung ihrer Herkunftsnation, die überdies mit den von ihren Vätern und Großvätern begangenen Kriegsgräueln in Verbindung stand, und dem Namen eines Genres, dem sie sich nicht zugehörig fühlten, zusammengesetzt war. Schließlich würde sich ja auch jeder R&B-Musiker dagegen verwahren, seine Musik als "Niggerrock" bezeichnet zu hören, denn es ist ja kein "Rock", was er macht, und "Nigger" geht schon gar nicht.
Es ist kein Schimpfwort, es ist nur eine Feststellung.
Am Ende stellt sich die Frage, was zuerst da war, der 1.Weltkrieg oder das Sauerkraut ?


Ich denke, die Deutschen wären auch ohne Krieg die "Die Krauts". ;)
 

WeepingElf

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Na gut, vielleicht hinkt der Vergleich mit der hypothetischen Bezeichnung "Niggerrock", die ich übrigens noch nirgendwo gehört habe ;) Und wie gesagt, die englischen Wortschöpfer haben es wohl eher liebevoll-ironisch gemeint. Fakt ist nur, dass die so bezeichneten Musiker damit nicht glücklich waren, sondern lieber von "progressiver Musik" (wohlgemerkt auch nicht "Progressive Rock") sprachen. Für die hörte sich das vielleicht tatsächlich nach Wehrmachtssoldaten an, die alte Rock'n'Roll-Nummern runterschrummelten, und damit wollt man natürlich nichts zu tun haben.

Aber das ist ja oft der Fall, dass Genrebezeichnungen von Journalisten geprägt und von den damit bezeichneten Musikern selbst abgelehnt werden!
 

Jester.D

Alter Hase
Ich hab heute beim Aufräumen ein paar Büchlein über Rockmusik in der DDR gefunden.
Wahrscheinlich brauche ich die nicht mehr.
 

Senfei

Aktives Mitglied
... Fakt ist nur, dass die so bezeichneten Musiker damit nicht glücklich waren, sondern lieber von "progressiver Musik" (wohlgemerkt auch nicht "Progressive Rock") sprachen. Für die hörte sich das vielleicht tatsächlich nach Wehrmachtssoldaten an, die alte Rock'n'Roll-Nummern runterschrummelten, und damit wollt man natürlich nichts zu tun haben.
Nachvollziehbar ist das durchaus.
Als der "Krautrock" laufen lernte, waren die furchtbaren Kriegsereignisse ja auch noch nicht lange her.
Die Musikanten waren quasi die Söhne derer, die noch den Krieg selbst erlebt haben.
 

Georg

Alter Hase
Ich bin mit diesem Begriff aufgewachsen & daher hat*s für mich nur ein GenreBegriff.
Ja, bleibt immer noch die Frage offen, ob die "Krautrock-Bands" die Bezeichnung in den 60-70er Jahren tatsächlich als negativ empfunden hatten, wie hier behauptet wird.
Off topic würde mich wirklich interessieren, ob der Begriff "Krauts" in der DDR ein großes Thema war und ob die Sowjets den Begriff auch benutzten?
 

nixe

Inventar
Ja, bleibt immer noch die Frage offen, ob die "Krautrock-Bands" die Bezeichnung in den 60-70er Jahren tatsächlich als negativ empfunden hatten, wie hier behauptet wird.
Off topic würde mich wirklich interessieren, ob der Begriff "Krauts" in der DDR ein großes Thema war und ob die Sowjets den Begriff auch benutzten?
In einem Bericht, sei es Kraut & Rüben, haben sich Einige schon drüber aufgeregt. Ob*s sie sich heute noch drüber aufregen, ist die Frage?
Damals hieß es ja Art Rock & Kraut wurde es nur im Westen genannt.
Ob die Russen überhaupt wußten, was Kraut, also Pflanze ist, keine Ahnung?
 

Senfei

Aktives Mitglied
Off topic würde mich wirklich interessieren, ob der Begriff "Krauts" in der DDR ein großes Thema war und ob die Sowjets den Begriff auch benutzten?
Как красиво сказал Эрок: ... и, вероятно, пройдет еще год, прежде чем выйдет русская версия. :p

Spaß beseite:
Als ich Anfang der 80er Jahre nördlich von Berlin meinen Wehrdienst abgeleistet habe, war ein Militärobjekt der Russen nur 2 km von uns entfernt. So ergab es sich desöfteren, dass man abends zusammen in der Dorfkneipe saß.
Sie brachten meist getrockneten Fisch mit in Zeitungspapier, mit dem haben sie sich trinkfest gemacht und dann gab es immer reichlich Wodka. Wir nannten sie "Freunde" oder "Towarisch" (Genosse) und sie nannten uns "Nemez" (Deutscher) oder "Fritz" oder eben auch "Drug" (Freund).
 
Zuletzt bearbeitet:

WeepingElf

Aktives Mitglied
Laut englischer Wikipedia war Kraut jedenfalls zur Zeit der Weltkriege ein Schimpfwort. Kann man ja verstehen, dass die auf "uns" brastig waren ;) Dass es das heute nicht mehr in dem Maße ist, ist der deutsch-britischen und deutsch-amerikanischen Aussöhnung in den 50er/60er Jahren zu verdanken. Wie auch immer, man wollte mit dem Deutschenbild, das damit assoziiert war, eben dem völkermordenden Wehrmachtssoldaten, nichts zu tun haben. Da war Rock noch die weniger üble Komponente, aber auch davon wollte man weg. Auch wenn die Engländer ihren Ausdruck Krautrock eher liebevoll und ironisch intendierten, kann man verstehen, dass die deutschen Musiker das nicht mochten, hingen daran doch Assoziationen mit genau den zwei Traditionen, von denen sie sich so vehement distanzierten!
 

Georg

Alter Hase
Wie sagte Eroc schon so schön: ... und bis die russische Version rauskommt, wird es wohl noch ein Jahr dauern.
(e
in kleiner Gag von Eroc (Grobschnitt) am Ende der "Jumbo* LP)
? Die russische Version existiert schon die Fritzs.
Ich weiß allerdings nicht ob die Rock-Fans des DDR-Rocks in der UdSSR, diese Musikrichtung Fritzrock genannt hatten
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
? Die russische Version existiert schon die Fritzs.
Ich weiß allerdings nicht ob die Rock-Fans des DDR-Rocks in der UdSSR, diese Musikrichtung Fritzrock genannt hatten
Ich weiß nicht, was die russischen Fans sagten, aber offiziell hieß das "vokal-instrumentale Ensembles aus der DDR", russisch вокално-инструменталны ансамбл ГДР. (@Senfei - Wenn Du mich fragst, woher ich plötzlich Russisch kann, das habe ich nur von dem Cover einer russischen Puhdys-LP abgeschrieben, das in dem Buch Als ich fortging ... abgebildet ist. Ich kann zwar die kyrillische Schrift lesen, aber Russisch kann ich nur eine Handvoll Wörter, und in diesem Ausdruck sind ja alle Wörter "international" ;) )
 

Senfei

Aktives Mitglied
Ich weiß nicht, was die russischen Fans sagten, aber offiziell hieß das "vokal-instrumentale Ensembles aus der DDR", russisch вокално-инструменталны ансамбл ГДР. (@Senfei - Wenn Du mich fragst, woher ich plötzlich Russisch kann, das habe ich nur von dem Cover einer russischen Puhdys-LP abgeschrieben, das in dem Buch Als ich fortging ... abgebildet ist. Ich kann zwar die kyrillische Schrift lesen, aber Russisch kann ich nur eine Handvoll Wörter, und in diesem Ausdruck sind ja alle Wörter "international" ;) )
Ja super, wenn man die kyrillischen Buchstaben lesen kann, ist das doch schon die halbe Miete. ;)

Shirt - Kopie (2).jpg
 

Fatima Xberg

Neues Mitglied
Ja man liest oder hört gelegentlich, dass KRAUTROCK-Musiker diese Genre Bezeichnung als eine Abwertung empfunden haben. Aber ist es denn überhaupt erwiesen, dass jemals irgendwer das tatsächlich negativ gemeint hat ?
Ich kann mir gut vorstellen, dass diejenigen, die den Begriff Krautrock damals in Umlauf brachten, einfach keine bessere Idee hatten, diese neuen so faszinierenden Klänge aus good old Germany einzuordnen.
"Kraut" ist in den Siebzigern in England ganz einfach der gängige Spitzname für alles Deutsche gewesen – an die negativ besetzten Ursprünge haben da wohl nur noch (wenn überhaupt) die Weltkrieg-Teilnehmer gedacht. Überhaupt waren die Kriegsgräuel zu den Zeit schon längst von den Comedy-Klischees der Nazi-Trottel überdeckt (siehe "Fawlty Towers", und "Dad's Army" war immer noch der Hit im BBC-Fernsehen…).
Mit dem N-Wort und der damit verbundenen Herabwürdigung lässt sich das überhaupt nicht vergleichen. Außerdem sind solche Klischees (die Franzosen sind die "Frogs", die Neuseeländer sind die "Kiwis") in der englischen Presse ganz normal und werden auch gerne von der sogenannten seriösen Presse benutzt.

In einem der Bear Family-Booklets in der KRAUT!-Serie werden Interview-Ausschnitte von Holger Czukay und Inga Rumpf zitiert, in denen sie sich positiv und negativ zum Kraut-Begriff äußern – in 1973!

Die Probleme, die Musiker mit dem Begriff "Krautrock" haben, liegen wohl eher in der Vereinnahmung: man will einfach nicht so einfach in den großen Genre-Topf geworfen werden. (Wie man hört haben Amon Düül und Grobschnitt die Beteiligung an der Bear Family-Reihe mit der Begründung abgelehnt, man habe "mit Krautrock nix zu tun".)
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
Verstehe. Es hat sich ja die Wahrnehmung des deutschen Volkes durch Briten und Amerikaner stark verändert. Bis 1945 waren die Deutschen Feinde, und "Kraut" war ein derbes Schimpfwort, das oft noch mit Verstärker-Adjektiven wie "stinking", "bloody" oder "f*cking" versehen wurde. Aber zur Zeit des Krautrock, also in den 60er und 70er Jahren, waren die Russen die Bösewichter, und die (West-)Deutschen Freunde und Verbündete, was dem einstigen Schimpfwort "Kraut" die Schärfe nahm. Die Bezeichnung "Krautrock" war ja auch nicht als Beleidigung gemeint, sondern, wie ich schon gesagt habe, liebevoll-ironisch.

Und dass Musiker sich nicht als Teil des Genres sehen, dem sie gemeinhin zugeordnet werden, ist ein weit verbreitetes Phänomen, das keineswegs auf den Krautrock beschränkt ist. Das gibt es in den verschiedensten Genres. Man will eben was Eigenes machen, und nicht dasselbe wie diejenigen, die mit einer kommerzielleren Variante der betreffenden Musik Zigtausende Platten verkaufen.

Und nicht zuletzt werden die meisten dieser Klassifikationen von Musikjournalisten oder gar von PR-Leuten von Plattenfirmen erfunden, deren Kriterien oftmals musikalisch nicht nachvollziehbar sind. Man denke etwa daran, wie Amon Amarth keine Viking-Metal-Band seien wollen, obwohl sie die ganze Zeit von Wikingern und nordischer Mythologie singen (warum sie dann aber einen Bandnamen aus dem Herrn der Ringe tragen, wissen vielleicht nicht mal sie selbst). Was sie über ihren Musikstil begründen, der in der Tat eher dem Death Metal als dem der meisten Viking-Metal-Bands (die irgendwo zwischen Black Metal und Folk Metal changieren) entspricht.

Und selbst dann, wenn eine Genrebezeichnung von den Musikern selbst stammt, versteht es die schreibende Zunft oft falsch. Schönes Beispiel: Industrial. Das kommt von Throbbing Gristle selbst. Wie klingt es? Nach Industrielärm. Also, so dachten die Musikjournalisten, heißt es aus diesem Grund "Industrial". Falsch! Das heißt "Industrial", weil es die Entfremdung (im Marxschen Sinn) des Menschen im Industriezeitalter zum Ausdruck bringen soll. Eben "industrial music for industrial people".

Ich habe mir ja früher in der seligen [progrock-dt]-Mailingliste und anderswo die Finger wund geschrieben, was alles unter "Prog-Rock" läuft aber meiner Meinung nach keiner sei. Das habe ich mir mittlerweile abgewöhnt und bin dazu übergegangen, die Diskussionen solcher Bands in diesem Forum (in anderen bin ich derzeit nicht aktiv) zu ignorieren, statt zu sagen, "Das gehört hier nicht hin!", und handhabe das in meinem Buch genau so.
 

Chris Flieder

Mitglied
Nur mal so als Anmerkung. Noch bis in die späten 90ern wurde in der englischen Fußball- und Hooligan-Szene der Begriff "Kraut" für alle Deutschen benutzt und das war definitiv nicht bloss näckisch gemeint. Selbst heute würde keiner meiner englischen Freunde mich jemals einen "Kraut" nennen.
Die o.a. Theorie, dass der Begriff in den 70ern nicht mehr negativ belegt gewesen sein soll. zweifle ich stark an.
 

Jester.D

Alter Hase
Späte 90er? Eine Kollegin war vor fünf Jahren mit ihrer Klasse in London und berichtete von zwei unschönen Vorfällen in der Unterkunft. Eine fast gleichaltrige Gruppe englischer Schüler skandierte mehrfach Krauts go home.
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
OK, jetzt steht hier Aussage gegen Aussage. Laut der von mir bereits zitierten englischen Wikipedia ist es jedenfalls ein Schimpfwort, und wenn @Jester.D sagt, dass das in der englischen Fußballszene immer noch eins ist, dann will ich das stehen lassen. Es ist sicherlich auch innerhalb der englischen Gesellschaft unterschiedlich, wie das heutzutage gemeint ist, je nachdem welches Verhältnis man zu und Deutschen hat. Wer Deutsche nicht mag, für den ist "Kraut" ein Schimpfwort; wer Deutsche mag, mag das anders sehen (oder aber dieses Wort gänzlich vermeiden).

Ich denke aber, was hier wirklich eine Rolle spielt, ist, wie das von den deutschen progressiven Musikern selbst wahrgenommen wurde. Die sahen das sicher nicht alle gleich, aber mancher mag gemeint haben, dass "Krautrock" eher zu einer Wehrmachtskapelle passen würde, die Rock-Songs spielt, und das war das Allerletzte, wo man was mit zu tun haben wollte! Man wollte weder in der Tradition des alten hurrapatriotischen Deutschlands stehen, das zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen hatte, noch in der der anglo-amerikanischen Rockmusik. Also weder "Kraut" noch "Rock".

Zumal es ja schon längst eine Bezeichnung für das gab, was John Peel & Co. "Krautrock" nannten: nämlich Progressive Musik. Nicht "Progressive Rock", denn da war ja noch das Stichwort "Rock" drin, und das meinte außerdem die doch sehr andersartige klassizistische Musik von Yes, Genesis, ELP & Co. (die in Deutschland seinerzeit freilich meistens "Art-Rock" bzw. "Kunst-Rock" genannt wurde), sondern einfach nur progressive Musik.
 

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