John Mayall

Perfectionist

Aktives Mitglied
Ich lege mal los mit einem Konzertbericht...

John Mayall, 7.4.2019, Stuttgart:

Im Wizemann! Wo soll ich anfangen, wo soll ich aufhören? Das mag sich auch die lange Schlange gedacht haben, die sich bei meiner Ankunft bereits bis auf den Gehweg heraus gebildet hatte. Keine Flaschen erlaubt. Auf der Bühne sowieso nicht, aber mit den merkwürdigen Einlassregeln werde ich wohl nie warm werden (zum Glück gibt es Schließfächer im Hauptbahnhof). An der Garderobe gleich mal die Frage: Signiert er oder signiert er nicht? Er signiert, und die Situation war gar bizarr: John Mayall, der Star der Show, sitzt hinter einem Tisch IN der Konzerthalle, am Rand des Publikumsbereichs und signiert bzw. verkauft CDs und Platten. Während also das Publikum auf den Auftritt wartet, ist der Künstler direkt daneben. Ich war allerdings ein wenig erschrocken, als ich ihn sah: Er wirkte recht abwe(i)send, und das Alter sah man ihm auch schon stark an - das war nicht derselbe Mayall, den ich von seinen letzten paar Albumcovers kannte. Würde er überhaupt genug Kraft haben, um das durchzustehen? Aber ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Kaum war er auf der Bühne, hatte er eine selbstverständliche Bühnenpräsenz, die man einem 85-jährigen generell eher nicht zutraut, und führte souverän durch das Set. Jeder Song wurde ordentlich angekündigt, und ein paar witzige Kommentare gab es auch. Man merkt deutlich, wie sehr er sich auf seine Band verlassen kann - die Rhythmusgruppe Rzab/Davenport spielt ja schon seit zehn Jahren mit ihm und ist zu einer schlagkräftigen Einheit gewachsen. Tatsächlich klingen die Jungs live viel härter als auf CD; Greg Rzab ist ein Hingucker mit Mütze und halblangen Haaren, und auch als Bassist definitiv ernstzunehmen, obwohl er sich selbst wohl nicht ganz ernst nimmt. Jay Davenport wiederum spielt Schlagzeug mit einer ungeheuren Energie. Stellenweise erinnerte er mich an John Coghlan (Status Quo) in seinen besten Zeiten! Beim zweiten Drumsolo hätte es mich nicht gewundert, wenn die Kollegen von der schieren Wucht von der Bühne geblasen worden wären!

Neu in der Band dagegen ist Carolyn Wonderland, und man merkte ihr das leider auch an. Es war überhaupt mal schwierig, ihre Gitarre überhaupt wahrzunehmen - wenn sie Rhythmus spielte, konnte ich sie partout nicht hören. Davon abgesehen war der Sound/Mix eigentlich nicht schlecht - ein klein wenig zu laut vielleicht, aber ich war auch recht nah an der Bühne - aber die Gitarre war einfach unterrepräsentiert. Besonders deutlich wurde das, wenn Mayall selbst ebenfalls in die Saiten griff, denn sein Instrument war klar und deutlich. Carolyn Wonderland dagegen hatte keine richtige Präsenz, vielleicht lag es auch an ihrem mickrigen Verstärker (Rzabs Bassverstärker war mindestens dreimal so groß...), und bei den Solos war der Sound ihrer Les Paul irgendwie ein wenig... künstlich? Schwer zu sagen; technisch kann ich an ihrem Spiel nichts aussetzen, aber die Nervosität scheint sie ein wenig gehemmt zu haben. Nur beim "Driftin' Blues" hatte ich den Eindruck, dass sie sich wirklich in den Song fallen lassen und mit der Gitarre in luftige Höhen aufschwingen konnte. Riesiges Potenzial war die ganze Zeit vorhanden, ähnlich war es auch mit den zwei von ihr gesungenen Stücken: Eine beeindruckende Röhre ließ sie da vom Stapel, bei "Nobody's Fault But Mine" mit toller Gospelfärbung, aber dann schien sie sich wieder nicht zu trauen, alles zu geben. Davon abgesehen war ihre Rolle auf der Bühne aber alleine von ihrer Ausstrahlung her sehr positiv und es kam mir auch so vor, dass sie Mayall mit ihrer jugendlichen Energie und Spielfreude ansteckte.

Der Chef war praktisch die ganze Zeit im Mittelpunkt, und angesichts seines Alters hat er wirklich kaum Wünsche offen gelassen. Gut, ich fand es ein wenig schade, dass die Hammond XK3 nur beim ersten Song zum Zug kam, denn ich mag den Orgelsound einfach. Aber auch am Roland-Keyboard (hauptsächlich mit Klaviersound) hat er absolut überzeugende Arbeit abgeliefert, dazu spielte er hervorragend verschiedene Mundharmonikas, gerne auch mal gleichzeitig mit der rechten Hand in den Tasten. Die Stimme ist natürlich gealtert: So hoch wie früher kommt Mayall nicht mehr (bei "Walking on Sunset" musste er z.B. Teile der Melodie abändern), und das Melisma gleitet auch nicht mehr so problemlos von einem Ton zum nächsten. Das kann er im Studio noch deutlich besser kaschieren, aber live ist halt live, und kaum ein Sänger ist mit 85 noch in der Topklasse unterwegs. Zudem nicht, wenn er auch noch andere Dinge gleichzeitig macht! Insofern erneut: Hut ab. Sein Gitarrenspiel kam bei drei Songs zum Einsatz, aber ein wirklich hervorragender Gitarrist war Mayall noch nie, und daran hat sich nichts geändert. Eigentlich wäre dafür ja jetzt Carolyn Wonderland zuständig, aber ich denke, dass sie noch in ihre Rolle hineinfinden muss.

Die Songauswahl war total unvorhersehbar, wie bei allen Gigs der Tour bisher. Nichts von "Blues Breakers with Eric Clapton", nichts von "The Turning Point", nichts vom aktuellen Album "Nobody Told Me"? Der Vorgänger "Talk About That" war dafür mit dem funkigen Titelsong vertreten, bei dem Rzab mal eben Queens "Another One Bites the Dust" ins Basssolo einstreute! Hier hat Mayall auch irgendetwas an seinem Keyboard gemacht, denn plötzlich kamen merkwürdige, spacige "wooossh"-Sounds aus den Boxen. Ob das so beabsichtigt war? Einzelne Töne konnte man auf jeden Fall nicht mehr ausmachen... Bluesklassiker gab es in Form von "You Know That You Love Me" (Freddie King), "That's All Right" (Jimmy Rogers), "Talk To Your Daughter" (J.B. Lenoir) und "Driftin' Blues" (Charles Brown). Der Lenoir-Song war der einzige zum Mitsingen; ein bisschen befremdlich fand ich, dass aus dem Shuffle eine gerade Rocknummer geworden war. Ebenso fand ich den "Movin' Groovin' Blues" deutlich zu langsam. Aber das sind alles kleine Kritikpunkte. Als Ganzes war es definitiv ein gelungener Konzertabend. Highlights gab es viele, sei es das atmosphärische "Not at Home" (Davenport war selbst mit Filzschlegeln immer noch sehr laut!), das düstere und akkordlich etwas vom Bluesstandard abweichende "Demons in the Night", der "Driftin' Blues" oder Sonny Landreths komplexes "Congo Square". Obwohl die Setlist mit 13 Songs recht kurz wirkt, war das Konzert beinahe zwei Stunden lang: Viele Tracks enthielten nun mal lange Improvisationen.

Wenn ihr Mayall live sehen wollt: Es lohnt sich. Und man weiß ja nie, wie lange er es noch durchsteht (im Wortsinn, denn er stand den ganzen Abend!)...
 

Warren

Aktives Mitglied
Hallo Perfektionist,

vielen Dank für deinen schönen Konzert Bericht und dass, das Konzert nach
deiner Beschreibung super gut war. Die Musik von John Mayall trifft auch
meinen Musikgeschmack und ich habe ihn in den 90igern Jahren mehrere mal Live
gesehen und das mit dem Gitarristen Walter Traut und das waren super Konzerte.

Wenn ich mich richtig Erinnere habe ich ihn das letzten mal zu seinen
70igsten Geburtstag Live gesehen und das war damals auch noch super gut.

Ich bin da immer etwas vorsichtig wenn ich ein Musiker schon ein paarmal
Live gesehen hatte und das dann noch richtig gut in meinen Erinnerungen habe
und dann den Musiker später (älter) wieder kommt dann überlege ich mir das
immer sehr gut, denn ich möchte dann Musiker in guter Erinnerung behalten.
 

Senfei

Aktives Mitglied
Ich durfte John Mayall & The Bluesbreakers 1987 erleben im Ostberliner "Kosmos".
Sonntagmorgens um 11.00 Uhr !!! Unglaublich, aber wahr.
Ohne Karten und mit wenig Hoffnung sind wir in die Karl-Marx-Allee … einfach mal gucken was geht … und es ging richtig gut … in einem Moment der allgemeinen Unaufmerksamkeit konnten wir durch den Seiteneingang schlüpfen, wo die Roadies noch mit organisatorischen Dingen beschäftigt waren.
Total happy, dass das mit dem „Gratis-Einlass“ so wunderbar und unerwartet geklappt hat – konnten wir uns dann am Sonntagmittag schon mal so richtig den „Blues geben lassen“.
Ich konnte sogar ein paar schöne Fotos schießen und wie man sieht, John Mayall & Walter Trout waren richtig gut drauf.
Am Folgetag war ich dann bei Carlos Santana im Palast der Republik, zwei sehr schöne Tage waren das.

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DerGrobeWestfale

Alter Hase
Ich durfte John Mayall & The Bluesbreakers 1987 erleben im Ostberliner "Kosmos".
Sonntagmorgens um 11.00 Uhr !!! Unglaublich, aber wahr.
Ohne Karten und mit wenig Hoffnung sind wir in die Karl-Marx-Allee … einfach mal gucken was geht … und es ging richtig gut … in einem Moment der allgemeinen Unaufmerksamkeit konnten wir durch den Seiteneingang schlüpfen, wo die Roadies noch mit organisatorischen Dingen beschäftigt waren.
Total happy, dass das mit dem „Gratis-Einlass“ so wunderbar und unerwartet geklappt hat – konnten wir uns dann am Sonntagmittag schon mal so richtig den „Blues geben lassen“.
Ich konnte sogar ein paar schöne Fotos schießen und wie man sieht, John Mayall & Walter Trout waren richtig gut drauf.
Am Folgetag war ich dann bei Carlos Santana im Palast der Republik, zwei sehr schöne Tage waren das.

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Ich bin nicht in der DDR großgeworden, könnte mir aber vorstellen das solche Konzerterlebnisse wie beschrieben ein kulturelles Ereignis waren, das wohl niemand erwartet hatte. Was immer sich die für Unterhaltung zuständigen Genossen dabei gedacht hatten, es war gut gedacht!
 

Senfei

Aktives Mitglied
Ich bin nicht in der DDR großgeworden, könnte mir aber vorstellen das solche Konzerterlebnisse wie beschrieben ein kulturelles Ereignis waren, das wohl niemand erwartet hatte. Was immer sich die für Unterhaltung zuständigen Genossen dabei gedacht hatten, es war gut gedacht!
Abgesehen von den großen Open-Air-Konzerten Ende der 80er Jahre mit Bob Dylan, Marillion, Joe Cocker, Brian Adams, Bruce Springsteen, Barclay James Harvest und vielen anderen waren in den Jahren davor Konzerte mit namhaften Größen aus dem Westen tatsächlich eher selten.
Bei uns in Rostock spielte Roger Chapman & The Shortlist in der Mensa 1983. Oder Tangerine Dream 1982 in der Stadthalle, das waren dann schon echte Highlights.
In Berlin war da schon mehr los, aber es war auch immer sehr abenteuerlich, überhaupt an Karten zu kommen.
 

DerGrobeWestfale

Alter Hase
Abgesehen von den großen Open-Air-Konzerten Ende der 80er Jahre mit Bob Dylan, Marillion, Joe Cocker, Brian Adams, Bruce Springsteen, Barclay James Harvest und vielen anderen waren in den Jahren davor Konzerte mit namhaften Größen aus dem Westen tatsächlich eher selten.
Bei uns in Rostock spielte Roger Chapman & The Shortlist in der Mensa 1983. Oder Tangerine Dream 1982 in der Stadthalle, das waren dann schon echte Highlights.
In Berlin war da schon mehr los, aber es war auch immer sehr abenteuerlich, überhaupt an Karten zu kommen.
Ich bin jetzt mal ketzerisch. Wer möchte, darf mich teeren und federn. So schön das bemühen war, internationales Flair ins Land zu holen, die eigene (Jugend)Kultur abseits der Puhdys oder Frank Schöbel war subrversiv oder gerade so geduldet. Ich beziehe mich auf ein Interview mit dem Bassisten der Band Moshquito, diverse Videos zu dem Thema und dem sehr interessanten Buch "Bye bye Lübben City".
 

Senfei

Aktives Mitglied
Ich bin jetzt mal ketzerisch. Wer möchte, darf mich teeren und federn. So schön das bemühen war, internationales Flair ins Land zu holen, die eigene (Jugend)Kultur abseits der Puhdys oder Frank Schöbel war subrversiv oder gerade so geduldet. Ich beziehe mich auf ein Interview mit dem Bassisten der Band Moshquito, diverse Videos zu dem Thema und dem sehr interessanten Buch "Bye bye Lübben City".
Mit Schrank Föbel und anderen Schlagerheinis kenne ich mich nicht so gut aus.
Ansonsten gab es in allen Kulturbereichen Künstler, die angepasst waren und wiederum viele, die sich nichts haben sagen lassen. Da war Stress vorprogrammiert. (Biermann, Manfred Krug, Renft, Freygang u.v.a).
Mit der Zeit haben dann viele Künstler ihre Kritik zwischen den Zeilen versteckt und die Hörerschaft war sehr geübt darin, zwischen den Zeilen zu lesen und zu hören.
 

DerGrobeWestfale

Alter Hase
Mit Schrank Föbel und anderen Schlagerheinis kenne ich mich nicht so gut aus.
Ansonsten gab es in allen Kulturbereichen Künstler, die angepasst waren und wiederum viele, die sich nichts haben sagen lassen. Da war Stress vorprogrammiert. (Biermann, Manfred Krug, Renft, Freygang u.v.a).
Mit der Zeit haben dann viele Künstler ihre Kritik zwischen den Zeilen versteckt und die Hörerschaft war sehr geübt darin, zwischen den Zeilen zu lesen und zu hören.
Biermann brauchte nicht rausgeschmissen werden, der war 1976 schon in Köln(was war das ein Spaß das Konzert im TV mit meinen erzkonservativen Eltern zu schauen), der Rest kam dann hinterher(endlich konnte Nina Hagen die Sau rauslassen und nicht mehr hinterm Farbfilm herjammern).
 

Jester.D

Alter Hase
Ich bin jetzt mal ketzerisch. Wer möchte, darf mich teeren und federn. So schön das bemühen war, internationales Flair ins Land zu holen, die eigene (Jugend)Kultur abseits der Puhdys oder Frank Schöbel war subrversiv oder gerade so geduldet. Ich beziehe mich auf ein Interview mit dem Bassisten der Band Moshquito, diverse Videos zu dem Thema und dem sehr interessanten Buch "Bye bye Lübben City".
Kann man nicht in ein paar Sätze fassen und es wäre den Puhdys und sogar Schöbel gegenüber ziemlich ungerecht, sie als angepasste DDR-Künstler zu sehen. Da ist es eigentlich so wie es schon immer war und heute noch ist - ein paar Leute werden Stars (oder Superstars, womit ich nicht das Bohlen-Casting meine) und die Masse nicht.

Ich hab nach einem Konzert in Pirna (ehemalige Kreisstadt nahe Dresden) mal das Glück gehabt, mich zu den Musikern von Veronika Fischers Band an den Kneipentisch setzen zu dürfen. Auslöser war, dass mich Gitarrist Hansi Biebl im Konzert-Publikum entdeckt hatte, als ich mit einem geliehenen Sonett-Kassettenrecorder und einem ebenfalls geliehenen Shure-Mikro einfach mal so jugendlich unbeschwert Teile des Konzerts aufgenommen habe.



Ich war zu der Zeit gerade als Student im Praktikum und hatte an meiner Praktikumsschule eine AG Moderne Tanzmusik, die ich mit aktuellem "Stoff" versorgen wollte. Hat funktioniert. In der Kneipe wollten sie sofort den Mitschnitt hören (es waren ca. 20 Minuten) und als erstes raunzte Franz Bartzsch (keys) den Drummer Frank Hille an, dass er beim Opener den Einsatz knapp verpasst hat. War lustig.
Dann haben wir gequatscht und uns auch allgemein über die DDR-Musikszene unterhalten ud ich fragte sie auch, was sie von den Puhdys halten und Hansi Biebl sagte wörtlich "Sie gehen ihren Weg... und sind dufte Kumpels."
Dann fragte ich ihn wo er seine Inspiration fürfs Gitarrespielen hernimmt. Was sagte er? "Musik hören, viel Musik hören. Besonders viel Jimi. Jimi Hendrix."

Ja und - so wenig wie die DDR nur aus Angepassten und Widerstandskämpfern bestand so wenig bestand die Musikszene nur aus Angepassten und Subversiven.
 

DerGrobeWestfale

Alter Hase
Kann man nicht in ein paar Sätze fassen und es wäre den Puhdys und sogar Schöbel gegenüber ziemlich ungerecht, sie als angepasste DDR-Künstler zu sehen. Da ist es eigentlich so wie es schon immer war und heute noch ist - ein paar Leute werden Stars (oder Superstars, womit ich nicht das Bohlen-Casting meine) und die Masse nicht.

Ich hab nach einem Konzert in Pirna (ehemalige Kreisstadt nahe Dresden) mal das Glück gehabt, mich zu den Musikern von Veronika Fischers Band an den Kneipentisch setzen zu dürfen. Auslöser war, dass mich Gitarrist Hansi Biebl im Konzert-Publikum entdeckt hatte, als ich mit einem geliehenen Sonett-Kassettenrecorder und einem ebenfalls geliehenen Shure-Mikro einfach mal so jugendlich unbeschwert Teile des Konzerts aufgenommen habe.



Ich war zu der Zeit gerade als Student im Praktikum und hatte an meiner Praktikumsschule eine AG Moderne Tanzmusik, die ich mit aktuellem "Stoff" versorgen wollte. Hat funktioniert. In der Kneipe wollten sie sofort den Mitschnitt hören (es waren ca. 20 Minuten) und als erstes raunzte Franz Bartzsch (keys) den Drummer Frank Hille an, dass er beim Opener den Einsatz knapp verpasst hat. War lustig.
Dann haben wir gequatscht und uns auch allgemein über die DDR-Musikszene unterhalten ud ich fragte sie auch, was sie von den Puhdys halten und Hansi Biebl sagte wörtlich "Sie gehen ihren Weg... und sind dufte Kumpels."
Dann fragte ich ihn wo er seine Inspiration fürfs Gitarrespielen hernimmt. Was sagte er? "Musik hören, viel Musik hören. Besonders viel Jimi. Jimi Hendrix."

Ja und - so wenig wie die DDR nur aus Angepassten und Widerstandskämpfern bestand so wenig bestand die Musikszene nur aus Angepassten und Subversiven.
Das sind die Informationen die ich brauche! Dafür erstmal vielen Dank! Wer im nicht immer freien Westen sich als Heavy Metal Fan einer Subkultur zugehörig fühlt musste spätestens nach der Wende lernen, dass das alles kalter Kaffee war. Selbst eine aktive und irgendwie geduldete Jazz Szene in Peitz als Schwerpunkt war nicht das Paradies. DT64 mag eine Weltoffenheit vermittelt haben, aber Horch und Greif war fast überall. Ich verweise nochmals sich das Buch "By bye Lübben City" das ausführlich darlegt wie ein kulturelles Leben neben der staatlichen angepassten Unterhaltung möglich war und wie viel Repressalien ertragen werden mussten, um den Traum vom anders sein zu leben.
 

Alexboy

Aktives Mitglied
Das sind die Informationen die ich brauche! Dafür erstmal vielen Dank! Wer im nicht immer freien Westen sich als Heavy Metal Fan einer Subkultur zugehörig fühlt musste spätestens nach der Wende lernen, dass das alles kalter Kaffee war. Selbst eine aktive und irgendwie geduldete Jazz Szene in Peitz als Schwerpunkt war nicht das Paradies. DT64 mag eine Weltoffenheit vermittelt haben, aber Horch und Greif war fast überall. Ich verweise nochmals sich das Buch "By bye Lübben City" das ausführlich darlegt wie ein kulturelles Leben neben der staatlichen angepassten Unterhaltung möglich war und wie viel Repressalien ertragen werden mussten, um den Traum vom anders sein zu leben.
Wenn Du in unserer Ortschaft in den 70ern aus der Kirche ausgetreten bist, konntest du auch den Traum leben! :eek:
 

Senfei

Aktives Mitglied
Das sind die Informationen die ich brauche! Dafür erstmal vielen Dank! Wer im nicht immer freien Westen sich als Heavy Metal Fan einer Subkultur zugehörig fühlt musste spätestens nach der Wende lernen, dass das alles kalter Kaffee war. Selbst eine aktive und irgendwie geduldete Jazz Szene in Peitz als Schwerpunkt war nicht das Paradies. DT64 mag eine Weltoffenheit vermittelt haben, aber Horch und Greif war fast überall. Ich verweise nochmals sich das Buch "By bye Lübben City" das ausführlich darlegt wie ein kulturelles Leben neben der staatlichen angepassten Unterhaltung möglich war und wie viel Repressalien ertragen werden mussten, um den Traum vom anders sein zu leben.
Mit Shelly, Tramper, Römerlatschen, Jeans und langen Haaren war man selbstverständlich abgestempelt als Penner. Stress mit Bullerei und Stasi gab es genug. Verhöre wegen lächerlicher Vergehen. Die IM's saßen in jeder Firma. Die Grenzen des Erlaubten auszuloten hat aber auch Spaß gemacht, war in gewisser Weise auch immer ein Katz & Maus-Spiel mit den "Befehlsausführern".

Aber es gab nicht nur Schwarz (Widerstand) und Weiß (Angepasst). Es gab auch sehr viele Farbtöne dazwischen. Nicht wenige haben sich mit bunter Fantasie eine eigene kleine Welt geschaffen und sind durch das Labyrinth der Verfänglichkeiten laviert, ohne bei schwarz oder weiß anzu"ecken".

"Bye Bye, Lübben City - Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR"

Zuerst dachte ich: Für Außenstehende mag das interessant sein, aber ich glaube ich brauche kein Buch, um 30 Jahre nach der Wende nachzulesen, wie mein Leben in der DDR war.
Aber wenn ich mir so die Rezensionen bei Amazon durchlese, bekomme ich tatsächlich Lust, das Ganze vielleicht doch einmal Revue passieren zu lassen.
 

DerGrobeWestfale

Alter Hase
Mit Shelly, Tramper, Römerlatschen, Jeans und langen Haaren war man selbstverständlich abgestempelt als Penner. Stress mit Bullerei und Stasi gab es genug. Verhöre wegen lächerlicher Vergehen. Die IM's saßen in jeder Firma. Die Grenzen des Erlaubten auszuloten hat aber auch Spaß gemacht, war in gewisser Weise auch immer ein Katz & Maus-Spiel mit den "Befehlsausführern".

Aber es gab nicht nur Schwarz (Widerstand) und Weiß (Angepasst). Es gab auch sehr viele Farbtöne dazwischen. Nicht wenige haben sich mit bunter Fantasie eine eigene kleine Welt geschaffen und sind durch das Labyrinth der Verfänglichkeiten laviert, ohne bei schwarz oder weiß anzu"ecken".

"Bye Bye, Lübben City - Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR"

Zuerst dachte ich: Für Außenstehende mag das interessant sein, aber ich glaube ich brauche kein Buch, um 30 Jahre nach der Wende nachzulesen, wie mein Leben in der DDR war.
Aber wenn ich mir so die Rezensionen bei Amazon durchlese, bekomme ich tatsächlich Lust, das Ganze vielleicht doch einmal Revue passieren zu lassen.
Für die, die dabei waren, ist das Buch weniger von Interesse als für diejenigen, die hier große Wissenslücken haben,. Die durch Berichte wie die von dir vieles in einem anderen Licht erscheinen lassen. Es gab Anarchie und aufstand, es kam nur darauf an, wie geschickt man das plante und an den jeweiligen Autoritäten vorbei schmuggelte. So möchte ich das mal laienhaft zusammen fassen.
 

Jester.D

Alter Hase
Zuerst dachte ich: Für Außenstehende mag das interessant sein, aber ich glaube ich brauche kein Buch, um 30 Jahre nach der Wende nachzulesen, wie mein Leben in der DDR war.
Ich brauche auch keins.

Seit dem Studium hatte ich lange Haare und war beim Dienstantritt als Lehrer sicher einer der untypischsten Pauker. Ich musste ein paar Mal zu irgendwelchen FDJ-Veranstaltungen, in denen es um künstlerische AGs ging, und das Schönste was ich da erlebt habe war, als man mich einmal den Anwesenden so vorstellte - "... und er sieht zwar nicht so aus, aber er ist Lehrer." Herrlich!

Ansonsten aber habe ich aber nur einmal mit der Polizei zu tun gehabt bei einer harmlosen Sache und mit der Stasi gar nicht. Mein Lebe lang nicht und sorry - in meiner Bekanntschaft und Verwandtschaft auch niemand.

Das Einzige was ich da jetzt beitragen kann ist, dass ein Kumpel von mir bei dem großen Polizeieinsatz am Dresdner Hauptbahnhof, als die Züge mit den Ausreisern aus Prag durchkamen, inmitten der Massen mit von Polizisten niedergeknüppelt wurde. Davon gehört habe ich erst viel später. Da konnte er dann schon wieder drüber lachen.

Wobei man natürlich auch anmerken muss, dass es "drüben im Westen" ;) bei Demos auch nicht gerade zimperlich zuging, oder?
 

DerGrobeWestfale

Alter Hase
Ich brauche auch keins.

Seit dem Studium hatte ich lange Haare und war beim Dienstantritt als Lehrer sicher einer der untypischsten Pauker. Ich musste ein paar Mal zu irgendwelchen FDJ-Veranstaltungen, in denen es um künstlerische AGs ging, und das Schönste was ich da erlebt habe war, als man mich einmal den Anwesenden so vorstellte - "... und er sieht zwar nicht so aus, aber er ist Lehrer." Herrlich!

Ansonsten aber habe ich aber nur einmal mit der Polizei zu tun gehabt bei einer harmlosen Sache und mit der Stasi gar nicht. Mein Lebe lang nicht und sorry - in meiner Bekanntschaft und Verwandtschaft auch niemand.

Das Einzige was ich da jetzt beitragen kann ist, dass ein Kumpel von mir bei dem großen Polizeieinsatz am Dresdner Hauptbahnhof, als die Züge mit den Ausreisern aus Prag durchkamen, inmitten der Massen mit von Polizisten niedergeknüppelt wurde. Davon gehört habe ich erst viel später. Da konnte er dann schon wieder drüber lachen.

Wobei man natürlich auch anmerken muss, dass es "drüben im Westen" ;) bei Demos auch nicht gerade zimperlich zuging, oder?
Der staatliche Knüppel ist immer und überall. Seek ' em pigs ist u.a. ein bekannter Slogan aus den USA.
 

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