Ist alles schon mal dagewesen?

WeepingElf

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In diesem Thema will ich eine Frage in den Raum stellen, auf die ich bei meiner Schreiberei am Prog-Buch gestoßen bin, aber die Musik-Stilkunde in unserem Jahrhundert allgemein betrifft. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass kaum noch neue Stile aufkommen. So sieht das auch in Genre-Stammbäumen im Internet aus: ob hier, hier oder hier - überall geht nach 2000 die Zahl neuer Stile zurück, und ab 2010 kommt irgendwie gar nichts mehr. Was ist da los? Irgendwie scheint die Abwesenheit neuer Stile die Kehrseite der Medaille zu sein, dass alles, was schon mal da war, auch heute noch oder wieder "geht". Ist vielleicht alles schon mal dagewesen? Sind wir an einem Punkt angelangt, wo Musiker kaum noch neue Genres "erfinden" können, weil alles, was man überhaupt machen kann, schon mal von irgendwem gemacht worden ist? Oder liegt es vielleicht nur daran, dass noch niemand weiß, welche neuen Entwicklungen in der Musik Eintagsfliegen und welche stilprägend sind, so dass es deshalb noch keine allgemein anerkannten Stilbezeichnungen gibt?
 

Fenimore

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Die Zahl der Noten und Oktaven ist begrenzt also gab es schon alles. Einerseits. Andererseits entsteht ständig neue Musik. Als jemand der von der Mutter Natur Null musikalischen Talent abbekommen hat, wundert es mich eh wie man ein neues Lied komponieren kann.

Um die Diskussion zu untermauern nehme ich gerade @Jan‘s the Hirsch Effect. Welcher Stil ist das? Wenn irgendwann mehrere Bands Ähnliches spielen, wird man vielleicht von einem neuen Still reden und einen Namen finden. (siehe der Begriff Artcore).
 

Jester.D

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Irgendwie habe ich das Gefühl, dass kaum noch neue Stile aufkommen. Ist vielleicht alles schon mal dagewesen? Sind wir an einem Punkt angelangt, wo Musiker kaum noch neue Genres "erfinden" können, weil alles, was man überhaupt machen kann, schon mal von irgendwem gemacht worden ist?
Dein Gefühl trügt nicht - etwas wirklich Neues gibt es schon lange nicht mehr. Die melodisch-harmonischen und auch rhythmisch-metrischen Möglichkeiten sind sicher ausgereizt. Die Musiker generieren Varianten und Wiederholungen mit modernisierter Spielauffassung. Das muss durchaus nichts Schlechtes sein. Die Vielfalt aufgelisteter Stile ist bei genauerer Betrachtung nicht wirklich so vielfältig wie es scheint. Oft sind es nur winzige Nuancen. my two cents.
 

WeepingElf

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Mir fällt dazu noch ein, dass es in der sogenannten E-Musik, aber auch in anderen Metiers wie der bildenden Kunst ein ähnliches Phänomen gibt: die Avantgarde hat sich totgelaufen. Wie soll man auch "Anti-Werke" wie 4'33" oder Fettecke noch "überbieten"? Die jüngeren Künstlergenerationen sind da wieder traditioneller unterwegs.

Die Möglichkeiten, neue Musik zu machen, sind eben nicht grenzenlos. Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo neue Musik zwangsläufig irgendwelcher älteren Musik so ähnlich ist, dass beide in dasselbe Genre fallen. Auch die meisten Genrekreuzungen, die funktionieren (und manche, die nicht funktionieren ;)), hat es schon gegeben, und so entstehen auch keine neuen Genres, sondern eben nur Kreuzungen alter Genres. Anscheinend ist dieser Punkt mittlerweile erreicht.

Auch Arjen Lucassen ist dazu was eingefallen:

NACHTRAG: @Jester.D, es stimmt, dass viele angebliche "Stile" sich nur in Nuancen voneinander unterscheiden. Das wird besonders beim Klein-Klein der Elektro-Fraktion aber auch der Metaller deutlich. Bei den Elektronikern scheint es bisweilen gar um Nachkommastellen der BPM-Zahl zu gehen ;) (ich gebe zu, da ist die BPM-Zahl schon wichtig, woanders eher nicht); während bei den Metallern einerseits nach musikalischen Merkmalen, andererseits nach Textinhalten klassifiziert wird, was bisweilen auseinandergeht und für Streit sorgt (sind Amon Amarth etwa eine Viking-Metal- oder eine Death-Metal-Band?). Bei Postrock und Shoegaze scheint es wohl vor allem ein Unterschied des Herkunftslandes zu sein (obwohl ich mich da so wenig auskenne, dass ich das nicht richtig zu beurteilen weiß). Und "New Artrock" war meiner Meinung nach nie was anderes als eine Verlegenheitslösung für die schwierigen Fälle, wo niemand mehr weiterwusste.

Bei manchen Klassifikationen hat man auch den Eindruck, dass da die Genregrenzen mäandrieren wie der Rand der Mandelbrot-Menge ;) Anderswo wird schon mal eine Band in das Genre X gesteckt, weil die Musiker sich auf eine bedeutende Band dieses Genres berufen, obwohl ihre Musik damit nicht die geringste Ähnlichkeit hat. Anscheinend ist aber vielen Musikjournalisten (und die sind es ja in den meisten Fällen, die die Stilbezeichnungen erfinden) die ganze Schubladenkacke dermaßen ins Gesicht geflogen, dass sie da ganz kusch geworden sind und mittlerweile gar nicht mehr klassifizieren.
 
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Music is Live

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sehen wir es doch wie im Blues...
klar war schon alles da.... jeder Rythmus wurde tausendfach gespielt...
und doch ist jeder Song ein neues Stück an Musik....
weil der Interpret es sich zu eigen macht und seine eigene Note hineingibt....
und dies macht den Reiz aus....
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
sehen wir es doch wie im Blues...
klar war schon alles da.... jeder Rythmus wurde tausendfach gespielt...
und doch ist jeder Song ein neues Stück an Musik....
weil der Interpret es sich zu eigen macht und seine eigene Note hineingibt....
und dies macht den Reiz aus....
Wohl wahr. Dass es (angeblich) keine neuen Genres mehr gibt, heißt ja noch lange nicht, dass es keine gute neue Musik mehr gibt. Denn in den alten Genres kann das Leben ja munter weiter toben, und tut es auch! Es wird ja immer noch neue Musik "erfunden", nur dass es heute viel wahrscheinlicher ist als in den 60er oder 70er Jahren als es noch viel Neuland zu entdecken gab, dass das schon mal jemand so ähnlich gemacht hat und daher bereits eine Genrebezeichnung dafür existiert und man keine neue mehr dafür erfinden muss.
 

WeepingElf

Aktives Mitglied
Noch ein Gedanke hierzu. Die "Makro-Kreativität" der Rockmusik, ausgedrückt in der Zahl der neuen Genres, ist schon seit Mitte der 70er Jahre rückläufig. Im "Goldenen Zeitalter" der Rockmusik, ca. 1967-1977, wurden im Prinzip alle Hauptrichtungen (wie Classic Rock, Prog, Hardrock, Metal, Glamrock, Punk) ausgeprägt, was danach kam, waren eigentlich nur noch neue Unterstile, die oft nur noch für Fans der jeweiligen Musikrichtungen von Bedeutung sind und von "Außenstehenden" nicht mehr unterschieden werden können. Man kann hier von einer "Kambrischen Explosion der Rockmusik" sprechen. Schon im "Silbernen Zeitalter" (ca. 1977-1987) gab es längst nicht mehr so viel Neues.

Das ist aber ein Muster, dass man immer wieder in Künsten, Wissenschaften, Technologien und selbst in der Natur vorfinden kann. Zu Anfang gibt es eben viel Neuland zu erschließen, da schießen die Formen ins Kraut, danach werden die zu Anfang ausgeprägten Grundformen nur noch variiert und verfeinert. Das
scheint für reife Metiers typisch zu sein.

So gab es in der Evolution des Lebens vor ca. 500 Millionen Jahren, im Zeitalter des Kambriums, die "Kambrische Explosion", in der es eine nie wieder dagewesene Zahl von evolutionären Neuerungen gab. In dieser Zeit wurden alle Grundbaupläne höherer Organismen entwickelt, der Rest der Geschichte waren dann Anpassungen an neue Lebensbedingungen und andere Differenzierungen und Verbesserungen.

Rockmusik ist eben ein reifes Genre, das einen hohen, sehr differenzierten Entwicklungsstand erreicht hat, wo nicht mehr viel bahnbrechend Neues zu erwarten ist, so scheint es mir der Fall zu sein. Sie erreichte um 2000 den Punkt, an dem der Jazz schon in den 70ern angelangt war. Denn damals war auch dort die Entwicklung weitgehend abgeschlossen. Beiden gemein ist natürlich auch, dass sie zu diesen jeweiligen Zeiten längst jegliche Mainstream-Relevanz verloren hatten und zu Nischengenres geworden waren, die in gewisser Weise "im eigenen Saft brieten", was für die stilistische Stagnation sicher nicht unwichtig sein dürfte. Das Geschehen findet nicht mehr auf dem großen Marktplatz, sondern in Seitengässchen statt, wo die Fans unter sich sind und neue Impulse vom großen Marktplatz oder gar aus anderen Seitengässchen es schwer haben.
 

Senfei

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Ganz ehrlich, ich würde es nicht kaufen.
Ich ziehe zwar den Hut vor all der Mühe, die sich WeepingElf da macht, aber mir ist vieles von dem , was er schreibt zu theoretisch, zu trocken, es liest sich schwer. Und oftmals sind seine Rückschlüsse und Folgerungen für mich nicht nachvollziehbar.
 

Waldmeister

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Ganz ehrlich, ich würde es nicht kaufen.
Ich ziehe zwar den Hut vor all der Mühe, die sich WeepingElf da macht, aber mir ist vieles von dem , was er schreibt zu theoretisch, zu trocken, es liest sich schwer. Und oftmals sind seine Rückschlüsse und Folgerungen für mich nicht nachvollziehbar.
vielleicht bringt er es ja im dünnen reclam heftchen-format raus, dann wär´s leichter lesbar.
 

DerGrobeWestfale

Aktives Mitglied
Jedes musikalische Jahrzehnt baut auf das vorherige auf. Meine bescheidene Meinung. Aus Heavy Metal entwickelten sich unzählige Subgenre. Die alle irgendwo einen gemeinsamen Ursprung haben. Neo-Prog greift auch auf vergangenes zurück. Usw, usw, es kommt auf gewisse Verfeinerungen an, wo werden Stellschrauben neu justiert? Das war es auch. Alter Wein in neuen Schläuchen.
 

nixe

Inventar
Jedes musikalische Jahrzehnt baut auf das vorherige auf. Meine bescheidene Meinung. Aus Heavy Metal entwickelten sich unzählige Subgenre. Die alle irgendwo einen gemeinsamen Ursprung haben. Neo-Prog greift auch auf vergangenes zurück. Usw, usw, es kommt auf gewisse Verfeinerungen an, wo werden Stellschrauben neu justiert? Das war es auch. Alter Wein in neuen Schläuchen.
Natürlich ist das eine fortlaufende Entwicklung! Nur meistens wird das Gute daran dabei vergessen!
 

nixe

Inventar
manches geht dabei auch verloren, weil das umfeld in dem die neueren, jüngeren musiker aufwachsen, einfach nicht mehr die einflüsse und voraussetzungen bietet die ihre vorbilder noch hatten. ist nur allzu logisch, eigentlich.
Nur warum müssen die Arrangements auch drunter leiden?
Natürlich gibt*s guten NeoProg, aber so ganz an einige GlanzTaten der 70-er will*s einfach nicht ranreichen!
 

Dandysaurus Rex

Aktives Mitglied
Das meiste Neue hat ein gehöriges Authentizitätsproblem, weil es halt auf der musikalischen Explosion der 50-70er Jahre aufbaut. Ein neuer Popmusik Still dürfte schon nicht einmal auf Rhythmen und Melodien der Westlichen Industriegesellschaft aufbauen. Der Still müsste unter Anführungszeichen Radikal sein und im Völligen Kontrast zum vom Blues beeinflussten Angloamerikanischen Rock,Hip Hop etc stehen. Obwohl ich mir sicher bin das einige im Bereich der Elektronsichen Musik sowas bereits umsetzen. Die Neo Klassik kommt mir auch noch in den Sinn. Mich packt da aber keines der beiden Genres in einem Ausmaß,dass ich beschließen würde,mich damit genauer auseinanderzusetzen. Zu Verkopft,zu Intellektuell und den Trash Charme der Popmusik suchst auch vergeblichst.
 
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