CAPTAIN BEEFHEART & HIS MAGIC BAND - Trout Mask Replica (1969)

Catabolic

Alter Hase
Trout Mask Replica.jpg

CAPTAIN BEEFHEART & HIS MAGIC BAND - Trout Mask Replica
(Straight Records STS 1053, 1969)

Über Kunst lässt sich bekanntlich immer streiten. Das möchte ich aber gar nicht. Ich versuche nur an das bei jedem Musikhörer auf mannigfaltige Art und Weise vorhandene Kunstverständnis zu appellieren. Kunst ist bisweilen blendend schön, aber manchmal auch äusserst roh und dreckig, wild und apokalyptisch und sehr verstörend. Mit letzterer haben wir es hier zu tun. Würde man diese Platte der Allgemeinheit zwangsweise auf die Ohren drücken, würden vermutlich neun von zehn Hörern vor Schreck in den nächsten Graben hüpfen. Captain Beefheart, oder besser gesagt Don Glen Van Vliet, wie der exaltierte Musiker mit bürgerlichem Namen hiess, verstand es noch wesentlich besser als Frank Zappa, dem Zuhörer alles abzuverlangen. Wo Zappa noch das avantgardistische Momentum in seiner verschachtelten Musik als oft zentrales Element einbaute, ging Herr Van Vliet schon bis in den Dadaismus, indem er zuerst die Musik auseinanderpflückte, nur um sie hernach falschherum wieder irgendwie zusammenzusetzen. Weil dabei öfters mal eine eher krude und nur schwer nachvollziehbare Suppe entstand, würzte er diese noch zusätzlich mit dadistischen Zutaten, wodurch Captain Beefheart's Musik nie so ganz nachvollziehbar war: Ist das noch Kunst oder schon Kalauer ? Meint er das wirklich ernst, oder will er uns damit nur blaffen ? Oder möchte er uns gar einen Spiegel vorhalten und sowohl sich selbst, als auch den Zuhörer ad absurdum führen ?

Das ist letztlich der Ansatzpunkt, an dem ich diese Musik festmachen würde. Viele von den inzwischen wohl eher älteren Semestern erinnern sich sicherlich noch an die Mitte der 60er Jahre, als die Rolling Stones, die Beatles, die Yardbirds, The Who und was weiss ich wer noch alles, die jungen Leute verrückt gemacht haben. Viele haben sicherlich auch noch die abwertende Meinung der damaligen Erwachsenengeneration im Ohr: Als "Negermusik" beschimpfte man alles, was auch nur ein bisschen wild, rauh oder auch nur hype war. Heute findet sich kaum noch jemand, der sich über die genannten Bands ereifern würde. Nur bei der Platte "Trout Mask Replica" von Captain Beefheart sind sie wieder alle vereint. Dieses Werk bringt sie heute wie damals alle auf die Palme. "Trout Mask Replica" ist auch heute noch vielen ein unverstandenes Rätsel voller vermeintlicher Disharmonie und schräger Töne, das befremdend, verstörend oder geradezu provozierend wirkt. Aber genau das und nichts anderes war der Sinn dieses Albums. Und wie frisch und unverbraucht es heute noch klingt, zeigen die Reaktionen darauf. Da sind die Wenigen, die diese Platte, den Captain und seine Musik verstanden haben und damit ihren Deal gemacht haben. Hörer, die diese Musik durchaus erleben und erhören können. Dann gibt es eine ganze Schar an Mitläufern, die das Album zwar im Schrank stehen haben (weil man's ja haben muss) aber nie damit zurecht gekommen sind. Und dann gibt es die grosse Mehrheit, die mit dieser Musik absolut nichts anfangen kann. Diesen Leuten nutzt es dann aber nicht, mit dem Hinweis zu kommen, dass man sich sonst mit schwieriger Musik zu beschäftigen weiss. Das könnte einem schnell (ich betone hier ausdrücklich, dass ich das selbst nicht tue!) als hohle Phrase ausgelegt werden. Wer sich mit schwieriger Musik, egal ob diese von Captain Beefheart, von den RESIDENTS oder EELA CRAIG stammt, beschäftigen kann, der kommt auch mit der "Trout Mask Replica" zurecht.

Natürlich habe ich vor all denen Respekt, die sagen, dass dieses Album über ihre Grenzen hinausgeht. Das ist kein Thema, denn diese Scheibe fordert den Hörer über Gebühr. Sie ist definitiv das sperrigste Stück der Rockmusikhistorie. Aber: Wer sich diese Platte erst einmal bewusst einverleibt hat, für den bietet sie einen wohl unendlichen Hörgenuss, der auch nach dem hundertsten Durchgang immer wieder Neues offenbart. Ich kann und möchte keine einzelnen Titel hervorheben. Die Scheibe ist ein Gesamtkunstwerk. Ich kann auch niemanden dazu raten, sie sich über die volle Distanz anzuhören. Man muss sie sich Stück um Stück, Take für Take erarbeiten. Und selbst dann funktioniert sie nur, wenn man offen und vorurteilsfrei an sie herangeht. Musikalisch bietet "Trout Mask Replica" einen rauhen, wilden Bluesrock, der immer wieder von Jazz- und Boogie-Einlagen und teils freien Musikformen durchdrungen wird. Einzelne Titel beruhen auf reinem Blues, andere lassen sich ohne weiteres dem Free-Jazz zuordnen. Das anstrengende Werk bietet einen wilden Ritt, ja ein wahres Rodeo durch die genannten Musikstile. Der mitunter sich bis an den Rand der Selbstzerstörung aufschaukelnde Gesangsstil des Captain tut sein übriges. Vielleicht ist das die musikalische Apokalypse, vielleicht der Vorhof zur Hölle, vielleicht aber auch nur ein musikalischer Kriegsruf aus einer Zeit, in der wirklich alles möglich schien. Schliesslich konnte man damals auch mit der HAMPTON GREASE BAND entsprechend bedient werden, die zwar nur eine Handvoll Platten verkaufen konnte, aber zurecht ebenfalls als eine der ausgefallensten, abgedrehtesten Gruppen des sogenannten "freien Rock" galt.

Wem empfiehlt man nun ein Album wie dieses ? Sicherlich erst einmal allen geduldigen und beharrlichen Menschen, die Rockmusik leben, auch erleben und vor allem auch vorurteilsfrei hören können und denen die Gabe eigen ist, sich vorurteilsfrei auf etwas Neues einlassen zu können. Dann all denen, die mit vermeintlichen Misstönen, seien diese aus dem Jazz- oder der Rock-Bereich, umgehen können und daran Spass haben. Und letztlich auch all Jenen, die sich die musikalische Kunst auf die Fahne geschrieben haben, wobei die "Trout Mask Replica" rein visuell gesehen eher mit einem Hieronymus Bosch verglichen werden kann, als mit einem Werk von Dürer oder Tizian. Ausserdem ist auch derjenige klar im Vorteil, der den Begriff Dada nicht mit gaga verwechselt. "Trout Mask Replica" ist ein Album, das schmerzt, das von Blut, Schweiss, Dreck und Tränen lebt. Und genauso muss man sich diese Scheibe erhören. Sie ist ein hartes Stück Arbeit und alles andere als ein erholsamer Nachmittagsspaziergang. Wer sich dessen bewusst ist, wird wirklich sein Leben lang nicht mehr davon, oder zumindest von einzelnen Titeln des Werks, lassen können. Eine Platte, die keine direkten Vergleiche zulässt mit anderen Veröffentlichungen der Rockmusik. Die Platte steht noch immer für sich.

 

Music is Live

Aktives Mitglied
der Capt. kam zu mir vor ca. 20-25 Jahren, vorher war er mir unbekannt...
in meiner damaligen "Stammbar" gab es den Freak, welcher mit der alten Rock/Prog/Jazzrockmusik recht vertraut war und wir tauschten mal gebrannte Cd´s.... bei seiner waren ein paar bekannte Titel bei doch auch vom Capt. drei Stücke, die er mir, vorwarnend, ans Herz legte.....
später ermittelte ich, dass seine Vorschläge echt noch die sanften, hörbaren Stücke waren.... doch mein Interesse an diesen aussergewöhnlcihen Künstler war geweckt.... seinen Mut seine Musik ungeschmuckt dem breioteren Publikum zu präsentieren zeugt von wahrer Größe.... ob er nun dies unte seiner Musik verstand oder dies alles als "Kalauer" der den Geldsäcken geben wollte bleibt wohl eines der großen Geheimnisse der Musikwelt ....

hier nun zwei der Beispiele von besagter CD, für Capt. Verhältnisse gar hörbar und sanft (wohl auch für nixe und Georg) :D... und dann ein echt witziger Auftritt im BeatClub.... man beachte besonders den Drummer mit Unterhose auf dem Schädel... :p

Bluejeans and Moonbeams

Same Old Blues

der Gig im BeatClub

ich sage immer gerne zum Capt. --> da wo Zappa aufhörte fing er an... :rolleyes:;):p
(fast wörtlich vom Freak aus der Bar)
 

Das aktuelle Magazin

Neueste Beiträge

Oben