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Ursachen des Niedergangs in den späten 70ern

Dieses Thema im Forum "Prog und Artrock" wurde erstellt von WeepingElf, 11. November 2019.

  1. WeepingElf

    WeepingElf Aktives Mitglied

    Ich will hier mal wieder ein paar Gedanken zur Diskussion stellen, die mir kamen, als ich in den letzten Tagen erneut das Buch von David Weigel (Progressive Rock: Pomp, Bombast und tausend Takte) gelesen habe.

    Es heißt ja so oft, Punk habe dem klassischen Prog den (nach Meinung vieler Journalisten wohlverdienten) Garaus gemacht, aber stimmt das? Ich würde eher sagen, dass die Punk-Welle eher Symptom als Ursache der Entwicklungen war, die zum Niedergang des Prog in den späten 70er Jahren führten.

    Ich denke, das hatte drei Ursachen, zwei äußere und eine innere, die aber alle miteinander zusammenhingen.

    Erstens war da die durch den Ölpreisschock von 1973 ausgelöste Wirtschaftskrise. Diese erfasste alle westlichen Wohlstandsgesellschaften, aber in Großbritannien waren die Probleme besonders groß, da hier eine verfehlte Subventionspolitik (durch beide großen Parteien) veraltete Industrien künstlich am Leben erhalten und den Strukturwandel verschleppt hatte. Die Folge war, dass die Leute weniger Geld in den Taschen hatten und statt teurer LPs wieder mehr Singles kauften, weil die billiger waren. Da geriet Prog, wo es kaum Singles gab, natürlich ins Hintertreffen.

    Zweitens ist da die Desillusionierung der Gegenkultur zu nennen. Es herrschte, nicht zuletzt angesichts der Wirtschaftskrise, die Haltung vor, dass die Proteste der späten 60er nichts gebracht hätten. Die neue Jugendgeneration hatte angesichts der Massenarbeitslosigkeit handfestere Sorgen als die Generation vor ihr mit ihren hehren Visionen einer harmonischen Gesellschaft. Prog galt nun als Musik einer gescheiterten Revolution und dementsprechend überholt.

    Drittens ist unüberhörbar, dass die von den Prog-Bands produzierte Musik an Qualität nachließ. Es war ja nicht so, dass Yes, Genesis, ELP & Co. weiter gleich gute Musik machten, die sich nur schlechter verkaufte; die Musik war einfach schlechter. Das hing sicher auch mit den beiden äußeren Faktoren Wirtschaftskrise und Desillusionierung der Gegenkultur zusammen. Die Plattenfirmen wollten Singles, weil die sich in Rezessionszeiten besser verkaufen ließen, und übten entsprechenden Druck auf die Musiker aus (manche freilich mögen von sich aus geschäftstüchtig genug gewesen sein, um von sich aus in dieser Weise umzusatteln). Die Desillusionierung der Gegenkultur, der die Prog-Musiker ja selbst angehörten oder zumindest nahe standen, wirkte sich lähmend auf ihre Kreativität aus. Wer arbeitet schon mit Begeisterung an einem Werk, wenn er weiß, dass es nicht mehr zeitgemäß ist? Und schließlich waren manche dieser Musiker selbstzufrieden geworden - sie hatten "alles erreicht", und damit ließ die Inspiration nach.

    Was meint ihr dazu? Viel Spaß beim Diskutieren!
     
  2. Marifloyd

    Marifloyd Inventar

    Ende der 70er gab es meinem Erachten nach durchaus noch prima Alben. Du wirst sie wahrscheinlich nicht zum Prog zurechnen. Aber für mich gab es hier eine Weiterentwicklung des Prog mit Pop-Elementen. Als Beispiele nenne ich mal:

    Steve Hackett - Spectral Mornings 1979
    Pink Floyd - The Wall 1979
    Van der Graaf Generator - Vital Live 1978
    Yes - Tormato 1978
    Steve Hackett - Please Don't Touch 1978
    Rush - Hemispheres 1978
    Richard Wright - Wet Dream 1978
    Peter Gabriel - 2 (1978)
    Camel - Breathless 1978
    Triumvirat - Pompeii 1977
    ...

    Das sind für mich alles klasse Alben.

    An deinen Thesen kann durchaus einiges richtig sein. Ich denke aber, dass die Jugend sich musikalisch weiter entwickeln und auch aus den herkömmlichen gesellschaftlichen und kulturellen Konventionen ausbrechen wollte. Und dabei finde ich nichts schlimmes. Der Punk spricht mich zwar wesentlich weniger an, aber er hat sein Berechtigung und war Ausdruck der damaligen Gefühle und eine Form der Kultur, die sogar vermarktet werden konnte. Sogar in der Mode.
     
  3. Music is Live

    Music is Live Aktives Mitglied

    Punx war und ist einfacher zu verstehen... daher fühlten sich auch mehrere zu ihm hingezogen, weil sie ihre Prostestmeinung über den Punx besser vertreten sahen...
    damals zumindest... heute ist Punx oftmlas "nur noch" Spassmusik....

    ich sehe als "Niedergang" des Progs auch die Menge, die damals auf den Markt geworfen wurde....
    wie es sich oftmals wiederholte in der folge Zeit... (siehe nur -> NDW, wo es auch gute Sachen gab, die dann doch untergingen im großen Rausch)...
    auch ist die Entstehung des NWoBHM nicht zu unterschäten, die teils auch hochtrabendes Songwriting mit sich brachte.... und "neue Härtte" vorführte...

    als Grundkonsens kann man auch gelten lassen, dass die kommenden 80er mehr Party als tiefgründig waren.... und Progpartys waren/sind eben nur für eingefleischte....
     
    Catabolic gefällt das.
  4. WeepingElf

    WeepingElf Aktives Mitglied

    Manche der von Dir genannten Alben kenne ich, und die sind überwiegend dem Prog zuzurechnen. Für mich ist Punk auch nichts "Böses", er ist eben eine andere Art, anderen Gefühlen musikalischen Ausdruck zu geben. Prog wurde irgendwann zu der Musik, die der 10 Jahre ältere Cousin oder - schlimmer noch - die Lehrer hörten, das "ging" einfach nicht mehr, weil das eben Musik einer anderen Generation war. Jede Generation hat nun mal ihre eigene Musik, was frühere Generationen hörten, ist out.

    Schließlich war alles, was nach dem klassischen Prog kam, ebenso schnell wieder weg vom Fenster. So konnte man beispielsweise '95 mit Grunge auch keinen Blumentopf mehr gewinnen. Und so war das eben auch mit Prog - das war eine Sache einer bestimmten Generation, die nur ein knappes Jahrzehnt im Mainstream lief.

    Aber wie Du ganz richtig sagst, Prog war nie "tot" - ein paar Nachzügler und Überlebende gab es noch in den späten 70ern, und dann kam ja auch schon bald der Neoprog, und so ging es immer weiter bis heute - nur eben nicht im Formatradio und im Prime-Time-TV. Insofern haben die Entwicklungen der späten 70er den Prog nicht ausgemerzt, sondern nur - um mal eine Metapher aus dem Garten- und Landschaftsbau zu bemühen - auf Stock gesetzt. Und seither wächst und gedeiht er, es ging von ca. 1979 an nur noch aufwärts ohne nennenswerte Rückschläge.
     

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